Montag, 24. September 2012

Mama Kirche

"Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Mk 10,15)
Diese Perikope wird von den Vätern meist ausgelegt, dass man wie ein Kind vor Gott stehen und wie ein Kind Gottes Gnade empfangen soll: Sich klein machen vor Gott, offen sein für Gott. Wie das Kind dem Vater, so soll sich der Gläubige Gott gegenüber verhalten.

Wo aber ein Vater ist, da ist auch in der Regel eine Mutter. Nun kann man zwar sagen, Gott ist uns Vater und Mutter, aber die Tradition hat noch einen weiteren schönen Begriff gefunden: den von der Mutter Kirche. Die Kirche als unsere Mutter, die das Erbe des Vaters verwaltet, sich um uns sorgt und kümmert. Es kommt der Kirche im Rahmen dieser mütterlichen Funktion zu, uns vorzulegen, was wir glauben sollen und uns Vorschläge für die Praxis zu machen und als Kinder nehmen wir das mehr oder weniger dankbar an.

Ich gehöre nun nicht zu den Menschen, die traditionell katholisch aufgezogen wurden. Bis zu meiner Erstkommunion und eigentlich noch danach war mein Glaube an Gott ein Kinderglaube, jene natürliche Überzeugung, dass es irgendwo einen großen "Lieben Gott" gibt, der sich irgendwie um uns kümmert. Weiter ging dieser Glaube nicht. Wer dieser Gott war, was er machte und wie man mit ihm spricht war mir eher fremd, bestenfalls diffus bewusst. Mein Erstkommunionunterricht - vulgo Kerzenbastelstunde - war da auch wenig hilfreich und wenngleich mir klar war, dass mir da was besonderes in die Hand gedrückt wird, von Leib Christi wusste ich eher wenig. Erst so im Laufe der Zeit, gleich wie dem Häuten einer Zwiebel, schälte sich der katholische Glaube aus diesem Kinderglauben heraus, so dass ich trotz aller pubertären Tendenzen sagen kann, nie ohne Glauben gewesen zu sein.

Doch jeder Kinderglaube, auch wenn er katholisch wird, muss ja eigentlich erwachsen werden. Oder? Erwachsen bedeutet heutzutage reflektiert. Ich reflektiere über das, was ich glaube und ich glaube es nicht, weil ich es muss oder soll, sondern weil ich es selbst geistig durchdrungen und mir diese Überzeugung so angeeignet habe. Deswegen habe ich auch Theologie studiert - glücklicherweise nur im Nebenfach. Das dieses Studium bei der Reflexion nicht immer ganz so hilfreich war, sei einmal dahingestellt. Doch man kommt sich halt furchtbar reflektiert vor. Ich glaube, was ich verstanden oder zumindest begründetermaßen als sinnvoll zu Glaubend anerkannt habe.

Ich weiss ja nicht wie es euch geht. Aber bei mir ist das Unsinn!

Ich besuche gerne eine evangelikale Gruppe bei uns in Frankfurt. Das kann ich Katholiken zwar nur bei stabiler Überzeugung empfehlen, aber wer die hat, der kann da nette Leute, fromme Christen und viel Selbsterkenntnis finden. Natürlich mache ich keinen Hehl daraus, dass ich katholisch bin. Und das, wer meinen Papst anpöbelt, eins mit der Bibel übergezogen kriegt - natürlich nur metaphorisch gemeint. Aber weil ich ja so ein offener und liebenswürdiger Mensch bin - wie hieß dieser Blog gleich noch mal - komme ich doch häufig gerade mit Neuzugängen ins Gespräch. Und die zeigen sich auch oft interessiert am Glauben eines Katholiken. Da kommen dann oft Fragen wie: Warum macht man das? Warum glaubst du das? Und wofür ist das gut?

Dann kann ich das meistens auch ganz anständig erklären - bilde ich mir wenigstens ein. Zwar konnte ich noch niemanden von meiner Haltung ganz überzeugen, aber nachdenklich habe ich wohl schon einige gemacht. Der mangelnde Erfolg liegt vielleicht auch daran, weil die Erklärungen, die ich zu den Fragen liefere, zwar durchaus interessant sind - auch für mich, man lernt ja immer was dazu - aber in den allermeisten fällen sind sie mir im Grunde egal. Ich bete nicht das Stundengebet, weil das so toll ist (auch nicht immer) und ich glaube nicht an die Leibhaftige Aufnahme Mariens in den Himmel weil ich die Begründung so überzeugend finde. Sondern weil die Kirche sagt, dass das zu glauben ist.

Wie eine Mutter, die ihrem Kind sagt: Das ist so! Da kann das Kind noch mehrmals nachfragen, weil es das nicht versteht. Aber vom Grundsatz her wird das Kind, das seiner Mama vertraut, die Begründung, nicht aber die Aussage in Frage stellen. Mama sagt das so, also glauben wir das so. In den Tiefen des Kindes, unterhalb der rational-fragenden Ebene, wird sich diese Information festsetzen und das Leben des Menschen bis zum Tod prägen. Und gewisse Dinge, die Mutter ihnen mal gesagt hat, werden von den allermeisten Menschen fast nie in Frage gestellt. Das ist bei jedem was anderes. Aber ich bin davon überzeugt, wer tief in sich hineinhorcht, der wird irgendetwas finden, was er einfach annimmt, weil er irgendwann, als er noch ganz klein war, auf Mamas Schoss saß und sie ihm das sagte.

Und so ist das auch bei mir mit der Kirche. Ich hatte eigentlich keinen, der mich im Glauben wirklich unterwiesen, mich an die Hand genommen hat. Ich musste mir, mehr oder weniger, die Dinge selbst aneignen. Nicht im Sinne einer großen Arbeitsleistung, sondern in dem Sinne, dass ich durch das, was die Kirche sagte und tat, mein Verständnis von den Dingen des Glaubens gebildet habe. Die Frage, ob die Kirche ein Recht hat, mir das zu sagen, habe ich mir interessanterweise nie gestellt. Ich bin sozusagen nie bis zur Pubertät gekommen. Ich bin was mein Verhältnis zur Mama Kirche angeht, immer Kind geblieben. Ich frage, quengele auch mal, aber im Grunde bleibt: Was Mama sagt, das stimmt.

Ich bin damit vielleicht rückständig in unserer heutigen, modernen Zeit. Vielleicht fehlt mir auch die spirituelle Tiefe, um vom heiligen Geist begnadet sicher an der Brandung zwischen Häresie und Orthodoxie entlangzuschreiten. Ja, vielleicht ist meine Einstellung ein Armutszeugnis. Aber ich hoffe, dass Jesus auch das gemeint hat, als er sagte, wir sollen werden wie die Kinder: Glaubt nicht nur, weil ihr es versteht. Glaubt nicht nur, weil es euch begreiflich ist oder weil ihr es so in der Schrift erkennt. Sondern glaubt auch, weil es die Kirche, die der Leib Christi, die Hüterin seines Wortes und die Mutter der Gläubigen ist es euch so lehrt. Vertraut wie Kinder der Mama Kirche. 

Kommentare :

  1. Ein guter Bekannter von früher (aus der Freikirche) fragte mal: Wie genau ist das jetzt bei euch mit Maria...? Er kam dann irgendwann zu dem Punkt: Das steht aber nicht in der Bibel! und ich hatte dann mit meinem Lieblingsargument:

    Joh 16,13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen.

    in Verbindung mit: 2000 Jahre Erfahrung, Verteidigung gegen Irrlehrer und Bewahrung durch die Tradition und dass Dogmen (hoffentlich ist das richtig) nicht aufgrund der "Meinung" einer einzelnen Person beschlossen werden, sondern eben vom Heiligen Geist inspiriert sind.

    AntwortenLöschen
  2. Schön gesagt; so ähnlich ist es bei mir eigentlich auch gewesen. Das Problem liegt heute wohl oft darin, daß Kinder bereits im zarten Krippenalter über ihre "Rechte" aufgeklärt werden und natürlich keine Mama mehr pädagogisch unwertvoll sagen darf "Das ist eben so."
    Und beim Theologiestudium scheint sich auch nicht viel geändert zu haben ;-)

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...