Donnerstag, 2. August 2012

Wüstenmütter? Vol. 2

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In diesem Post habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob die Quellen uns etwas über Wüstenmütter verraten. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Zwar gab es viele frühchristliche Asketinnen, Wüstenmütter im eigentlichen Sinne waren das aber nicht. Aber vielleicht wurden sie einfach nur nicht erwähnt. Gibt es Hinweise, die uns über die Bedingungen aufklären, denen sich Wüstenmütter damals hätten stellen müssen? 

Um diese Frage zu klären, möchte ich zwei Erzählungen über Wüstenmütter aufgreifen. Denn wir finden durchaus an einigen Stellen Erwähnungen von Frauen, die das Leben von Wüstenvätern geführt haben. Da diese Geschichten also weitgehend unverdächtig männlicher Vorurteile sind, können sie als besonders geeignet für die Fragestellung angesehen werden.

Maria von Ägypten: Reh auf der Flucht

Die erste Geschichte ist jene der Maria Ägyptiaca. Jede ihrer modernen Lebensbeschreibungen beginnt mit einer Formulierung wie "Der Legende nach" oder ähnlichem. Wann diese Legende konkret entstanden ist, wissen wir nicht. Frühe Schriftquellen zeigen eine Verehrung ihres Grabes etwa 200 Jahre nach ihrem vermeintlichen Tod. Überhaupt scheint nur ein einziger Mensch sie jemals als Eremitin gesehen zu haben, ein Wüstenvater Namens Zosimos. Auch über Zosimos schweigen sich die Quellen weitgehend aus. Zudem ist die Lebensgeschichte der Heiligen derart von Stereotypen durchwoben, dass man davon ausgehen muss, hier wollte ein unbekannter Autor eine exemplarische Geschichte vorlegen. Ob er dabei auf ein wirkliches Ereignis zurückgriff wissen wir nicht. Es ist jedoch, da es sich praktisch um ein singuläres Ereignis handelt, unwahrscheinlich. Doch für uns von zentraler Bedeutung ist die Geschichte, wie Zosimos, vom Geist in die syrisch-arabische Wüste hinaus geführt, Maria kennenlernte. Wie ein Reh, steht in der Legende, musste er sie regelrecht jagen, bis er sie aufgrund seiner männlichen Kondition endlich eingeholt hatte. Maria war also außerordentlich Scheu. Das hatte einen guten Grund: Sie war nackt! Ihre Haut war von der Sonne schwarzgebrannt und von Haaren bedeckt.

Die Frau war in der Wüste schutzlos

Aus diesem Bericht lässt sich dreierlei ersehen:

  • Maria war praktisch beständig vor vorbeiziehenden Mitmenschen auf der Flucht.
  • Sie war konditionell nicht in der Lage, trotz ihrer Wüstenerfahrung den immerhin schon betagten Zosimos abzuhängen.
  • Sie war im wahrsten Sinne des Wortes völlig ungeschützt.

Der Annahme, die Wüsten Jordaniens seien leer gewesen, muss widersprochen werden. Die syrisch-arabische Wüste war regelrecht voll von Banditen, Beduinen (wahlweise waren die auch Banditen), Händlern, feindlichen Stämmen und römischen Soldaten. Davon legen die römischen Wehranlagen an Wüstengrenzen des Reiches beredtes Zeugnis ab. Zudem war für eine Frau wie Maria ein solches Wüstenabenteuer unter physischen wie sozio-kulturellen Aspekten ungleich gefährlicher als für einen Mann. Weder war sie in der Lage, sich potentiellen Gegnern zur Wehr zu setzen - Flucht - noch konnte sie auf eventuelle soziologische Gepflogenheiten bauen - Gastfreundschaft o.ä. - die Männer teilweise in Anspruch nehmen konnten. Eine Frau in der Wüste war Freiwild. Und genau so benahm sich Maria auch. War ein Leben wie sie es geführt haben soll schon für einen Wüstenvater eine unerreichte Höchstleistung - vom Abbas Besarion, der sich durch die Wüste treiben ließ, sprachen selbst die gestandenen Wüstenväter der Sketis in ihren Kellien mit respektvollem Schaudern - so war es für eine Frau praktisch unmöglich.

Der Wüstenvater Athanasia

Eine weitere Quelle ist die Geschichte der Wüstenmutter Athanasia. Sie war tatsächlich eine Wüstenmutter, insoweit, als sie das Leben eines Wüstenvaters lebte. Allerdings nicht nur wie ein Wüstenvater, sondern als Wüstenvater. Athanasia war eine wohlhabende verheiratete Christin in Alexandrien. Als beider Kinder starben beschlossen beide, zu den Vätern in die Wüste zu ziehen. Die reagierten aber auf dieses Ansinnen auf bezeichnende Weise. Der Mann könne bleiben, aber die Frau käme ihnen nicht ins Haus. Doch Athanasia gab sich mit dem Spruch der Väter keineswegs zufrieden, fügte sich aber scheinbar. Klug und erfindungsreich, wie Frauen eben sind, schmiedete sie einen Plan: Wenn die Väter nur Männer akzeptierten, dann wurde sie eben ein Mann. Das hatte nun nichts mit antiker Geschlechtsumwandlung zu tun. Doch Athanasia verstand es, ihr Äußeres mit natürlichen Mitteln zu verändern. Sie setzte ihren Körper der sengenden Sonne und strengem Fasten aus und brannte so alle Weiblichkeit so gründlich aus ihrem Antlitz und Körper, das nicht mal der eigenen Gatte sie noch erkannt hätte. Hat er auch nicht. Denn nach ihrer Verwandlung wurde sie wieder in der Sketis vorstellig und wurde aufgenommen. Bei niemand anderem als ihrem eigenen Mann kam sie unter. Zwar war dem Abbas sein neuer Kumpel ausgenommen sympathisch, aber das es seine Ehefrau war, da kam er erst drauf, als sie ihn auf ihrem Sterbebett nach jahrelangem gemeinsam Leben darauf hinwies.

Die Wüstenvater wollten keine Frauen bei sich

Die Geschichte kann als symptomatisch bezeichnet werden. Die Wüstenväter wollten in ihren Siedlungen keine Frauen! Denn es war ihnen zu riskant, wenn eine wirkliche Frau ihnen vor der Nase rumlief, da sie doch schon genug mit den Phantasiefrauen zu kämpfen hatten, die ihnen die Dämonen in ihre Kellien hetzten. Schon Knaben waren nach dem Spruch der Altväter eine ständige Gefahr für die Väter, eine Frau dagegen praktisch der sichere Sündenfall. Nicht umsonst gießt die Chefwachstafel der Wüstenväter, Johannes Cassian, die Lebensweisheit der Väter in einen einzigen Satz: Fliehe dem Bischof und der Frau. Eine solche Haltung wäre selbst bei kleinen Wüstenmütteransamlungen Makulatur und kann daher ausgeschlossen werden. Wenn es Wüstenmütter gab, dann waren das keine Vorkämpferinnen für weibliche Wüstenideale, sondern vereinzelte Frauen, die es mit Geschick und Einfallsreichtum verstanden, sich an Wüstenväterkolonien anzudocken. Doch ohne Zweifel waren sie, wenn es sie denn gab, so singuläre Ereignisse, dass man um sie herum keinen typologischen Begriff formen kann.

Keine Wüstemütter, aber herausragende Asketinnen

In unserer Betrachtung haben wir feststellen können, dass uns nach den vorliegenden Quellen fast nichts von Wüstenmüttern überliefert ist. Der moderne Sprachgebrauch, von Wüstenmüttern und -vätern zu sprechen, ist daher Fehl am Platz, weil er etwas aussagt, was es so eigentlich nicht gegeben hat.
Dessen ungeachtet hat es natürlich Frauen gegeben, die asketische Höchstleistungen erbracht haben, die uns heutige Wohlfühlkuschelchristen erschaudern lassen. Die Historica Lausiaca ist voll davon, und so erklärt Palladius in der Einleitung auch:
"auch der ehrwürdigen Frauen und der hochberühmten, vom Geiste Gottes getriebenen Mütter, die mit wahrhaft männlichem Mute den Kampfpreis strenger Tugendübung errangen, wird gedacht, damit jene, die nach dem Kranze der Enthaltsamkeit und Reinheit streben, durch ihr Vorbild angefeuert werden."
Weibliche Christusnachfolge anerkennen

Auch Palladius spricht hier von männlichen Frauen, meint damit aber nicht männlich als geschlechtliche, sondern als Aussage der Tugend. Virtus, Männlichkeit, war bei den Römern Tugend schlechthin; bei den Griechen war es auch nicht anders. Doch solche männlichen/tugendhaften Frauen gab es nicht nur in Ägypten. Auch in anderen Ländern, besonders im asketenverrückten Syrien, fanden sich die zahlreiche fromme Frauen, die extremste Askese betrieben. Von zweien, die sich selbst in einem ummauerten Feld einsperrten, zu einer Gruppe von Säulensteherinnen reicht da die Palette. Gerade sie sind den Ägypterinnen in ihrem asketischen Ideal näher als die Wüstenväter, die ein ganz eigenes, typisch ägyptischen und typisch männlichen Typus verkörperten. Diesen frommen Ägypterinnen, die "voll keuscher Zucht auf hoher Tugendstufe standen", verdienen es, nicht in einen Topf mit Männern geworfen zu werden, nur um den modernen Unsinn von "Frauen können alles was Männer auch können nur besser" noch in der Antike zu finden. Sie als Vertreterinnen ihres eigenen asketischen Typus in ihrer eigenen, spezifisch weiblichen und ihnen damit entsprechenden Christusnachfolge zu verstehen, offenbart erst ihr erhabenes Beispiel und ihre ganze Weisheit, die uns heutigen, Männern wie Frauen, Orientierung sein kann.

Die beiden anderen Posts zu den Wüstenmütter:
Wüstenmütter?
Wüstenmütter Vol. 3 - Die berühmtesten Wüstenmütter im Wüstentest

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