Mittwoch, 15. August 2012

Grazie, Papa Pacelli!


Ein Mensch, dessen Namen ich vergessen habe, hat einmal über Papst Pius XII. sinngemäß folgendes gesagt: Er könne nicht heilig sein, denn er habe ein unnötiges Dogma erlassen.

Ich hingegen sage: Pius XII. ist heilig und hat ein sehr notwendiges Dogma erlassen.

Nun will ich mich nicht zum ersten Punkt äußern. Darüber hat die Kirche zu befinden und ich will ihr da nicht reinreden.

Sehr wohl aber will ich hier nachdrücklich die Meinung vertreten, dass das Dogma der Leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel notwendig war. Ja es ist vielleicht eine der genialsten Dogmen überhaupt. Nicht aufgrund dessen, was es sagt, sondern aufgrund dessen, was es nicht sagt und wann es gesagt worden ist.

Maria ist eine Reizfigur. Das müssen wir mal so klar sagen. Sie reizt die Protestanten, weil diese die katholische Verehrung der Gottesmutter als Vergötzung sehen, obwohl noch Martin Luther Maria die allerhöchste Verehrung entgegenbrachte. Zugleich ist sie auch Reizfigur nach innen zwischen denen, die Maria ganz besonders viele Attribute und Ehren zuschreiben und jenen, die um der christozentrischen Dimension des Heilsgeschehens und besonders der einzigartigen Stellung Jesu Christi Maria zwar hoch verehren, aber doch gewisse Blüten ablehnen. Darunter ist z.B. der Titel Mariens als Miterlöserin, der von der Glaubenskongregation abgelehnt wird. Dieser Gedanke ist durchaus nicht neu und ist schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu finden, also zur Zeit des Pacelli-Papstes. Manche sagen, der große marianische Papst Pius XII. hätte auch noch diese oder anderer Formeln wie Maria als Mutter der Kirche dogmatisieren müssen/sollen. Aber Pius XII. war vorsichtig. Was ihm einige aus verschiedenen Gründen vorwerfen. Hier jedoch hat er wie so oft richtig gehandelt. Er erkannte, dass das Dogma nicht die Aufgabe hat, Neues zu definieren, sondern Altes festzuhalten. So hat er eine der ältesten marianischen Überzeugungen der Kirche und nur diese endgültig festgeschrieben, ohne sich dabei vorwerfen lassen zu müssen, zu übertreiben und das Wesen Christi zu verdunkeln. Er legt damit ein Dogma im Stil der alten Kirche fest: Kurz, präzise, wohl begründet, ausgeglichen. Es ist ein Musterdogma, eine Musterschrift, die sagt, was gesagt werden muss, aber nicht mehr und die daher über sich selbst hinausweist auf das, was Lehramt ist: Schutz der Wahrheit; Bewahrung dessen, was es empfangen hat.

Pius XII. wird in Rom mit dem den Römern eigenen Humor gerne als der letzte Papst bezeichnet. Das stimmt insoweit, als er der letzte Papst jener Epoche des entwickelten ultramontan geprägten Milieukatholizismus war, die von modernen Theologen gerne als Pianismus bezeichnet wird. Der Katholizismus entwickelte sich in dieser Zeit zu einer eigenen und wirkmächtigen Größe mit einer starken Ausrichtung auf die römische Zentrale, was mit einer Stärkung des Papsttums einherging. War dies besonders in Deutschland zu spüren, so ist dieses Phänomen, in anderem Gewand, auch in zahlreichen anderen Ländern zu beobachten. Pius XII. war nun der letzte Papst, der noch in der Lage war, über ein solches Katholisches Milieu zu regieren. Johannes XXIII. fehlte, bei all seinen Qualitäten, dazu sowohl die monarchische Persönlichkeit als auch die zeitspezifischen Rahmenbedingungen. Pius XII. hatte der Kirche noch in der Umbruchphase des späten Modernismus ihre alten Werte, Strukturen und Hierarchien bewahren können, zugleich aber, was heute oft nicht mehr wahrgenommen wird, Schritte in eine neue Zukunft begonnen. Er war in diesem Zusammenhang besonders Brückenbauer, ein Brückenbauer, auf dessen Werk seine Nachfolger und auch das Vatikanum II aufbauen konnte.

Zu diesen zukunftsweisenden Akten des Papstes gehört das Dogma der Leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Als Historiker schreckt man immer etwas vor "Was-wäre-wenn"-Thesen zurück. Doch hat aus meiner Sicht Pius XII. einen erheblichen Anteil daran, dass die Überzeugung der Himmelfahrt Mariens, die seit wenigstens 1400 Jahren geglaubt wird, in der Kirche der Postmoderne bestand hat. Er hat das Dogma zu einem Zeitpunkt verkündet, da es nach objektivem Maßstab nicht notwendig gewesen wäre, da fast alle daran glaubten. Aber wie viele Katholiken würden heute, da die Marienverehrung in vielen Teilen der Bevölkerung eingeschlafen ist, noch an diese Wahrheit glauben. Ein Dogma übersieht man nicht so leicht. Und auch wenn manche das Dogma Dogma sein lassen nach dem Motto "Schön, aber so genau muss ich das ja nicht glauben", so bedarf das doch eines gewissen Willensaktes. Zugleich werden heute zahlreiche Katholiken, die nicht mit einer entwickelten marianischen Frömmigkeit aufgewachsen sind, der Bedeutung Mariens durch dieses Dogma vollendent versichert. Zum Zeitpunkt seiner Verkündigung also war dieses Dogma vielleicht nicht nötig, heute hingegen haben wir es sehr nötig.

Daher: Grazie, Papa Pacelli!

Kommentare :

  1. Umso bitterer ist es heute im Radio zu hören, daß die Pacelli-Straße in Oberhausen heute in Christoph-Schlingensief-Str. umbenannt worden ist.....

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  2. Ein Dogma muss man immer glauben, sonst hat man sich selbst exkommuniziert.
    Diesbezüglich (Punkt 45) aus der Enzyklika Munificentissimus Deus
    Definition des Glaubenssatzes
    44 Nachdem Wir nun lange und inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkündigen, erklären und definieren Wir zur Verherrlichung des Allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau Maria gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche, kraft der Vollmacht Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht:
    Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden.

    Schluss: Verpflichtung zur gläubigen Annahme

    45 Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist.

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  3. Ein genialer Post, danke! ich liebe solche Diskussionsgrundlagen, für die wenigen Fälle, wo mal jemand mit mir darüber reden will!

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  4. Danke an alle für das Lob.

    @Konstantin:
    Ich darf hier mal einen Jesuiten zitieren, von dem ich gehört habe, er soll gesagt haben: Manche Dogmen vergisst man besser.
    Wer also ohnehin nicht an die Leiblche Aufnahme Mariens in den Himmel glauben will, den hält das Dogma auch nicht davon ab. Wer aber unsicher ist und denkt: "Na ja, so wichtig ist des ja nicht und so richtig will mir das nicht in den Kopf" der wird durch das Dogma nachdrücklich daran erinnert, dass er es sehr wohl zu glauben hat und wird es dann eher/lieber tun, da er ja als guter Katholik nicht vom Glauben abfallen will.

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