Freitag, 6. Juli 2012

Thomas über die Bedeutungen der Hl. Schrift

Hat in der Hl. Schrift ein Wort einen mehrfachen Sinn?

Die Hl. Schrift übertrifft schon durch die Eigenart ihrer Sprache alle Wissenschaften. Denn wo sie Geschichte erzählt, offenbart sie zugleich ein Geheimnis.
Urheber der Hl. Schrift ist Gott. In Gottes Macht aber liegt es, zur Bezeichnung und Kundgebung von etwas nicht nur Worte zu Verwenden, sondern die Dinge selbst.

Und welche Verschiedenen bedeutungen hat die Hl. Schrift?

Die erste Bedeutung also, nach der die Worte die Dinge bedeuten, wird wiedergegeben durch den ersten "Sinn", nämlich den geschichtlichen oder den Wort-Sinn. Die andere Bedeutung aber, wonach die mit den Worten bezeichneten Dinge selbst wieder andere Dinge bezeichnen, wird wiedergegeben durch den sensus spiritualis, den geistlichen "Sinn", der im Wortsinn gründet und diesen voraussetzt.
Dieser geistige Sinn wird dreifach eingeteilt. Wie nämlich das Alte Testament (nach Hebr 7,19) ein Vorbild des Neuen ist und das Neue Gesetz selbst (nach Dionysius) ein Vorbild der zukünftigen Herrlichkeit, so ist auch im Neuen Gesetz das, was am Haupte [Christus] geschehen ist, Zeichen und Vorbild dessen, was wir [die Glieder] tun sollen. Soweit also die Geschehnisse des Alten Testamentes die des Neuen vorbilden, haben wir den allegorischen Sinn; soweit das, was an Christus selbst oder seinen Vorbildern geschah, zum Vorbild und Zeichen für unser eigenes Handeln wird, haben wir den moralischen Sinn; soweit es aber das vorbildet, was in der ewigen Herrlichkeit sein wird, haben wir den anagorischen Sinn.

Wie können aber diese komplexen Bedeutungen zustandekommen?

Nun bezeichnet man aber das, was der Autor bei seinen Worten "im Sinne hat", als Wort-Sinn. Urheber der Hl. Schrift aber ist Gott, der in seiner Erkenntnis alles zumal begreift. Also ist es (nach Augustinus) ganz angemessen, wenn auch nach dem Wort-Sinn dieselbe Schriftstelle einen mehrfachen Sinn hat.

Aber führen diese verschiedenen Deutungen nicht zur Verwirrung bei den Leser sowie zur Irreführung der Gläubigen und muss daher der Aufgabe der Schrift, die Gläubigen zu versichern, widersprechen?

Ein mehrfacher Sinn ist weder Anlaß zu einer falschen Mehrdeutigkeit noch zu irgendeiner anderen unerwünschten Wirkung von Vielheit. Denn dieser mehrfache Sinn entsteht, wie aus dem Gesagten hervorgeht, nicht dadurch, daß dasselbe Wort die verschiedensten Bedeutungen hat, sondern dadurch, daß die durch die Worte bezeichneten Dinge selbst wieder Zeichen und Sinnbilder sein können für andere Dinge. Also kann daraus gar keine Verwirrung folgen, da jeder mögliche Sinn in einem einzigen gründet, dem Wort-Sinn. Und nur der Wort-Sinn kann als Grundlage des Beweises genommen werden. Das tut der Hl. Schrift in keiner Weise Eintrag, weil unter dem geistigen Sinn keine einzige glaubensnotwendige Wahrheit enthalten ist, die nicht anderswo in der Hl. Schrift im Wort-Sinn klar und deutlich überliefert würde.   

Quelle: Summa Theologica, Buch I,I,10.

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