Dienstag, 10. Juli 2012

Kommentar zu Mk 10,46-52

"Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg."
Die Heilung des Blinden Bartimäus gehört für mich zu den ergreifensten Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes. Normalerweise nimmt Jesus in  Heilungsgeschichten die Hauptrolle ein. In diesem Falle jedoch ist es Bartimäus. Und Bartimäus, der sind wir. Deswegen ist diese Stelle so besonders berührend. Und deswegen offenbart sie so eindringlich den Prozess der Nachfolge, den wir wie jeder Christ immer wieder neu gehen müssen. Dieser Prozess besteht aus vier Etappen: Hören - Bitten - Sehen - Nachfolgen.

Hören: Bartimäus ist blind. Blindheit wird in der Antike gerne bestimmten Krankheitsdämonen zugeschrieben und als Strafe für Sünde begriffen. Eine Folge der Sünde ist auch Blindheit im geistlichen Sinne. Diese Blindheit macht uns unfähig, den göttlichen Willen bewusst zu erfüllen, weil wir ihn nicht mehr erkennen können. Sie macht uns damit zur Nachfolge unfähig. Aber Gott lässt uns nicht allein in dieser Blindheit. Er lässt nicht zu, dass die Sünde uns alle unsere Sinne raubt. Das Hören ist uns geblieben. Wir können Gott noch wahrnehmen, können seine Gegenwart spüren und seine Wirkmacht in der Welt erfahren. Am einfachsten, in dem wir sein Wort, die Hl. Schrift lesen. Doch dieses Erfahren ist defizitär; es ist uns aber auch bewusst, dass es nicht alles ist und weckt in uns den Wunsch, zum vollkommenen Erkennen des Willens Gottes und zur Erfüllung desselben zu gelangen. Dieser Wunsch weckt in uns Hoffnung.

Bitten: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!" 'Herr, erbarme dich' ist ein beliebtes Gebet der Kirche. In diesen wenigen Worten, die auch Bartimäus ausspricht, ja ausruft, offenbart sich die ganze Bedürftigkeit des Menschen und liegt die ganze Hoffung des Menschen auf Gott, seinen Retter. Bartimäus begreift, es jetzt wagen zu müssen. Durch allen Widerstand, der ihm entgegenschlägt ruft er zu Jesus, das der ihn höre, erhöre und heile. So ist es auch mit uns. Auch wir begegnen ja Widerstand, wenn wir uns im Gebet an Gott wenden. Teils durch unsere Umgebung, die das Gebet für Humbug und Scharlatanerie hält und nur unverständiges Kopfschütteln für uns übrig haben. Aber vor allem durch uns selbst. Seien es Gedanken, Wünsche, Hochmut, Eile, vieles in uns widersetzt sich dem Gebet und hält uns fest. Doch darüber dürfen wir nicht verzagen. Wir dürfen die Erkenntnis nicht aufgeben, dass Heil nicht von den anderen und nicht von uns kommt, sondern nur von Gott. Immer und immer wieder müssen wir zu Gott um Erbarmen rufen, damit er uns heilt und heiligt.

Sehen: Herr, ich möchte sehen können. Diese Bitte des Bartimäus ist zugleich die Bitte jedes Christen. Lass mich doch Herr, deinen Willen sehen. Bartimäus ist es ein tiefes inneres Bedürfnis. Aber gilt das auch für uns? Leider allzu wenig. Ich habe einmal darüber nachgedacht, wie oft ich tatsächlich ganz persönlich darum bitte, Gott möge es mir schenken, seinen Willen zu erkennen. Das mache ich zwar öfters, weil ich es mir angewöhnt habe, und doch tritt solches Bitten im Verhältnis zu anderen Gebeten doch zurück. Um was bitte ich nicht alles: Gesundheit, Wetter, Erfolg etc. Der Hl. Thomas hat geschrieben, Gott werde jene Bitten erfüllen, die ihm entsprechen, die das eigentliche Ziel des Menschen im Blick haben: Gott selbst. Und da wundern wir uns, warum uns Gott partout nicht die Traumnote schenkt, die wir haben wollen. Bartimäus hingegen hat erkannt, worauf es ankommt. Er will sehen, er will Jesus sehen, will den Fehler seiner Natur überwinden und zur Vollkommenheit streben. 'Herr, ich möchte sehen' können auch wir von Gott erbitten.

Nachfolgen: Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Im letzten Halbsatz wird die Konsequenz des Vorhergehenden nachgeschoben, so beiläufig, dass man sie fast überlesen könnte und doch so wichtig, dass ohne ihn der Prozess unvollendet bliebe: "er folgte Jesus auf seinem Weg": Echtes Erkennen des Willens Gottes führt zur Nachfolge Jesu. Denn Jesus kannte den Willen des Vaters und ging ihn bis zum äußersten. Bartimäus wird an der vorletzten Etappe Jesu geheilt, als er gerade dabei ist, nach Jerusalem hinaufzuziehen, wo ihn das Kreuz erwartete. Und Bartimäus folgte ihm genau dorthin nach. Wie groß muss sein Schmerz gewesen sein, als sein neu gewonnenes Augenlicht ihm seinen Retter am Kreuzesholz zeigte, wie er geschunden sein Leben aushauchte. Der ihm sein neues Leben gegeben hatte, der verlor und sein eigenes. Vielleicht hat Bartimäus da erkannt, dass Jesus nachzufolgen nicht nur bedeutet, etwas zu gewinnen, sondern auch etwas zu verlieren. Man verliert den Eigenwillen, die Eigenliebe, den Hochmut auf sich selbst und den Glauben an die eigene Macht. Den Willen Gottes zu erkennen setzt uns in die Verantwortung, den Willen Gottes auch zu erfüllen, egal wie steinig er ist und wo er uns letztens hinführt.

Bartimäus, der sind wir. Was am Blinden von Jericho einmal passiert ist, das geschieht in uns jeden Tag aufs Neue. Jeden Tag müssen wir uns neu entscheiden, ob wir als blinde Bettler am Straßenrand der menschlichen Gewalt ausgeliefert bleiben wollen oder unsere Chance wahrnehmen, von Jesus befreit zu werden und ihm nachzufolgen. Wir wollen es nicht verschweigen: Viele Menschen bevorzugen es, am Straßenrand Jerichos zu bleiben. Denn ein solcher Straßenrand kann durchaus sehr konfortabel sein. Wir dürfen nicht meinen, Bartimäus habe zwangsläufig elend gelebt, nur weil er Bettler war. Sowas kann ein durchaus einträgliches Gewerbe sein, wenn man genug Mitleid erregt und an der richtigen Stelle sitzt. Und so leben auch die geistlichen Bettler unserer Zeit nicht notwendigerweise Elend. Viele Menschen, auch viele Christen, füllen die geistliche Leere mit zahlreichen Gütern an, von einem Porsche über New-Age bis Schamanismus. Es gibt viele Möglichkeiten, sich im Elend bequem einzurichten. Bartimäus aber hat sich dafür entschieden, den großen Schritt zu wagen und sich Jesus anzuvertrauen. Und er ist den Weg ganz gegangen: Vom blinden Bettler zum Jünger Jesu. Darin ist er wie wir. Darin ist er unser Vorbild.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...