Dienstag, 17. Juli 2012

Ist es uns erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen? Eine historische Perspektive

I. Allgemeines

Um die berühmte Frage der Pharisäer an Jesus besser begreifen zu können ist es notwendig, sich die verschiedenen Steuerarten zu vergegenwärtigen, die damals im Raum Palästina erhoben wurden.

Hierfür muss man zuerst bedenken, dass das Gebiet des heutigen Palästina, dass damals überwiegend von Juden bewohnt wurde, kein einheitliches politisches und ethnisches Gebilde war und dementsprechend auch die Steuern nicht einheitlich waren. Zwar war das ganze Gebiet von Rom abhängig und größtenteils auch Teil des römischen Reiches, dennoch herrschten in weiten Gebieten weiterhin die herodianische Dynastie. Judäa, Idumäa und Samaria indes waren zur Wirkungszeit Jesu eine römische Provinz, die aber so unbedeutend war, dass sie lediglich einem Präfekten unterstellt waren, der dem kaiserlichen Statthalter Syriens untergeordnet war. Dieser Präfekt residierte üblicherweise nicht in Jerusalem, sondern in Caesarea Maritima, das an der samaritischen Mittelmeerküste lag. Diese Abwesenheit des römischen Regierungsvertreters brachte es mit sich, dass die meisten hoheitlichen Aufgaben in Judäa von den Mitgliedern der jüdischen Oberschicht, besonders den Tempelpriestern, sowie einigen Sadduzäern und Pharisäern übernommen wurden, die weitgehend innenpolitische Freiheiten besaßen. Sie waren demnach auch dafür verantwortlich, dass die Steuern Judäas an die römische Zentrale abgeliefert wurden.

II. Nähere Differenzierung und römische Steuern

Es gab zwei Arten des Steuereinzugs, jene durch die staatliche Administration und jene durch private Steuereintreiber. Erstes wurde meist durch die Städte erledigt, die in Palästina die lokale Administrationseinheit darstellte. Letzte waren Staatspächter, sogenannte Publicani, die sich zur Zahlung eines festen Betrages an den römischen Fiskus verpflichtet hatten und die dafür auf eigene Rechnung die Steuern eintrieben. Die Mehreinnahmen behielten sie dabei ein.

Was waren das nun für Steuern, die von der Bevölkerung verlangt wurden? Zunächst muss man unterscheiden zwischen den eigentlichen Steuern und den Zöllen. Zölle wurden für den Transport von Waren über bestimmte Grenzen verlangt. Bei diesen handelte es sich nicht nur um die Grenzen des römischen Reiches, sondern auch um Provinz- und Stadtgrenzen. Verzollt wurden Waren wie Kleidung, Schuck, Sklaven, bei Ausfuhr auch Getreide. Daneben bestand noch der Brückenzoll. Die Zöllner waren keine staatlichen Beamten, sondern Publicani. Da sie weit mehr an Zoll verlangten, als für die Zahlungen an den Fiskus nötig gewesen wäre, galten sie als unterstes und verabscheuungswürdigstes Glied im Apparat der römischen Fremdherrschaft und waren, zusammen mit ihren Familien Ausgestoßene der jüdischen Gesellschaft, wofür es im Neuen Testament ausreichend Hinweise gibt. Die Zolltarife, die von Rom vage vorgegeben waren, schwankten je nach Gebiet zwischen 2-25% des Warenwertes. Dementsprechend versuchten die Menschen die Ausbeutung durch die Pächter zu umgehen, indem sie die Zölle hinterzogen, sprich, sie versuchten zu schmuggeln.

Es gilt die eigentlichen Steuern zu unterscheiden in die Staatssteuern, also jene, die an den römischen Staat entrichtet werden mussten und die Tempel- und Gemeindesteuern. Und hier liegt der Knackpunkt der Frage an Jesus. Es geht nicht darum, ob generell Steuern zu entrichten seien, sondern welche Steuern und an wen. Um dies näher zu beleuchten, wird sich der Autor zunächst mit der staatlichen und anschließend mit der Templesteuer befassen.

Man kann die Steuern in zwei Arten aufteilen, die festen und die losen Steuern. Feste Steuern wurden im voraus berechnet. Dies waren die Abgaben auf den Bodenertrag, tributum agri oder tributum solis, und die Kopfsteuer, tributum capitis. Während die erste für die Bauern von großer Bedeutung war, war letztere, die auf das Vermögen erhoben wurde, auf die nicht-agrarische Wirtschaft ausgerichtet.23 Besonders der tributum agri war in einer Gesellschaft, in welcher der überwiegende Teil der Bevölkerung als Bauern tätig war, die wichtigste Steuer. Seine Schwierigkeit und der Grund für seine soziale Problematik lag daran, dass sie, wie alle festen Steuern, alle fünf Jahre durch einen Zensus festgelegt wurde. Dabei wurde die Durchschnittsernte der letzten fünf Jahre berechnet und diese als Basis für die Versteuerung in den nächsten fünf Jahren genutzt. Diese Summe hatte der Besitzer dann zu zahlen, unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Ernte tatsächlich in dieser Zeit ausfiel. Bei Missernten führte dies zur Hungersnot, da das System und seine ausführenden Organe darauf keine Rücksicht nahmen. Grundlegende Einheit für die Besteuerung war ein iugum, dass je nach Bodenqualität unterschiedlich war und das ausreichte, den Bauern zu ernähren, der es bearbeitete. Daneben flossen in die Berechnung noch die abreitenden Personen, nicht die Betriebsmittel, sowie der Viehbestand, soweit kein Betriebsmittel, ein. Daraus ergaben sich zwei Formen des tributum solis, die Grundsteuer, welche meistens in Geldform abzuführen war, und die Grundertragssteuer, welche als Naturalabgabe abgeliefert wurde. Die tributum capitis bestand aus mehreren Steuern, hatte ihre Grundlage aber in der eigentlichen Kopfsteuer, die aus einen Pauschalbetrag bestand. Dieser war meist von den ärmeren Schichten zu erbringen. Die Wohlhabenderen zahlten dagegen eine Vermögenssteuer, auf die bewegliche Habe erhoben, und eine Einkommensteuer. In einigen Provinzen wurde noch eine Haussteuer verlangt.

Lose Steuern waren solche, die von Fall zu Fall anfielen, wie Verkaufssteuer, Salzsteuer, Gewerbesteuer, Erbschaftssteuer, Gebühren und die Kranzsteuer, die üblicherweise im Osten erhoben wurde. Daneben gilt es noch zu berücksichtigen, dass Geschenke an staatliche Beamte allgemein erwartet wurden.

Alles in allem musste ein Bewohner Palästinas damals ca. 12% seines Einkommens an den römischen Staat abführen. Das dies als schreiendes Unrecht von der jüdischen Bevölkerung empfunden wurde, ist nicht mit rationalen Gründen, sondern ist nur durch die Eigentümlichkeit der Juden zu erklären. Zumal wenn man bedenkt, dass ersten die Abgaben, die man an den Tempel und die Gemeinden erbringen musste, wesentlich höher waren und zweitens die Vorteile, die Rom für diese tatsächlich geringe Abgabe erbrachte, für jeden offensichtlich waren. Nicht nur bauten Roms Truppen die Infrastruktur aus, sie sicherten Palästina auch nach außen wie nach innen und brachten damit einer Gegend, die jahrhundertelang Schlachtfeld des Vorderen Orients als auch durch die Bürgerkriege der späten Makkabäerzeit erschüttert war, endlich Frieden.

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