Donnerstag, 5. Juli 2012

Gott bei Paulus und Epiktet

  1. Einleitung
Wer die Schriften des Paulus von Tarsus und des Epiktets von Hierapolis liest, der kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass diese beiden Lehrer der Menschheit im Grunde das Gleiche, zumindest aber Ähnliches lehrten. Beide scheinen den freien und ethischen Menschen als Kind Gottes zu sehen, als ein Geschöpf, das exklusiv Anteil am Ursprung aller Dinge haben kann. Aus diesem Verb, können, entsteht auch das missionarische lehrende Bemühen beider Protagonisten, die den Menschen davon überzeugen wollen, dass er das Geschenk des Schöpfers annehmen soll.
Doch stimmt das wirklich? Hat der römische Philosoph grundsätzlich den gleichen Glauben wie der römische Apostel gelehrt, nur ohne Christus? Mit dieser Frage wollen wir uns hier kurz beschäftigen und wollen sie an einer neuralgischen Frage zu beantworten suchen, nämlich am Gottesverständnis.
  1. Das personale Gottesverständnis des Paulus
Als archimedischen Punkt nehmen wir hierfür das Gottesverständnis des Paulus, da wir uns hierüber sicher sein können.
Paulus lehrte den überzeitlichen, transzendenten, aber zugleich zutiefst persönlich gedachten Gott der Juden. Zu dieser Lehre hatte der Jude Paulus in seiner Damaskusstunde noch die Lehre Jesu Christi gewonnen, die den israelischen JHWH-Glauben ergänzte, vollendete und universalisierte. Alle Menschen waren nun grundsätzlich berufen, Jünger Christi zu sein, allen stand der Weg zum Heil durch den Glauben an Christus offen.
Des Paulus Lehre war demnach eine monotheistische, die den allliebenden, allmächtigen, allerlösenden Gott und seinen Sohn Jesus Christus für alle verkündete. Paulus lehrte von hieraus die Befreiung des Menschen durch Christus und das ethische Handeln, dass im Glauben und der Befreiung von den Sünden fundiert war. Der Mensch war Kind, Ebenbild Gottes, dass aus seiner Zugehörigkeit zu diesem sein Ziel in Gott durch die Gnade Gottes zu finden hatte und dass auf diese Weise überzeitlich ausgerichtet wurde. Von daher kontte er nicht mehr im Wesentlichen von dieser Welt getroffen werden. Wir können daher sagen, dass der Gott des Paulus alle wesentlichen Eigenschaften des personalen Gottes besitzt.
  1. Das Gottesverständnis der Stoa
Wie Paulus in der Tradition des Judentums, spezifisch des pharisäischen, und der Jesus-Bewegung betrachtet werden muss, so gilt es auch Epiktet in die Tradition seiner Schule einzuordnen, will man die ungeschmälerte, aber auch ungeschminkte Gottesvorstellung Epiktets erkennen.
Die Stoiker gingen seit der frühen Stoa, mit gewissen hier nicht zu behandelnden Abweichungen und Tendenzen, davon aus, dass es neben den Tieren und den Menschen auch die Götter gibt, womit sie sich ganz in der Tradition der griechischen Poliswelt bewegten. Doch diesem eindeutig polytheistischen Glauben gesellte sich bei ihnen, wie bei vielen anderen Schulen sokratischer Tradition, noch die Vorstellung eines höchsten Gottes hinzu, der sich vom Zeus der Mythen fundamental unterschied. Dieser Gott war nicht anthropomorph, sondern wurde als absolut transzendentes, allumfassendes, allmächtiges Geistwesen interpretiert, das die Welt erschaffen hatte und das über ihre zeitliche Dauer existieren würde. Dieser Gott sei pneuma, ein feinstofflicher Hauch, aus dem alles bestehe und der damit in allem in seinem Willen wirken würde. Dieser Gott, der auch als höchster Logos gedacht wurde, was sich ergänzte, nicht gegenseitig ausschloss, war von daher die Quelle allen Seins und der Garant der kosmischen Ordnung, ja, er war die kosmische Ordnung, die alles in seinem gesetzmäßigen Willen stattfinden ließ. Der Mensch war, wie die Götter, von den anderen Kreaturen insoweit herausgehoben, dass er durch seinen Logos, der aus dem Göttlichen entsprang, Anteil an diesem haben konnte und sich durch vernünftiges Wollen mit diesem in Einklang bringen und somit ein quasi-göttliches Wesen werden konnte.
Zusammengefasst können wir daher sagen, dass der Glaube der Stoiker ein monistisch-pantheistischer war, der mit dem Glauben der Juden und des Paulus in der personalen Gottes- und der eschatologischen Heilsfrage kollidierte.
  1. Die Gottesvorstellung Epiktets
Wie also verhielt es sich mit Epiktets Gottesvorstellung?
Zunächst muss man sagen, dass der polytheistische Aspekt der frühen Stoa zur Zeit Epiktets unter dem monistischen Aspekt stark zurückgetreten war. Auch bei Epiktet spielen diese geringeren Götter, die Christen sollten sie später Daimonen nennen, keine wesentliche Rolle mehr. Zwar werden sie als personale Gottheiten nach wie vor anerkannt bzw. es wird ihnen Existenz zugebilligt, jedoch nicht insoweit, dass sie allmächtig wären, vielmehr solcher Art, dass auch sie an das universale Gesetz gebunden sind. Dieses Gesetz wird vom ersten Schöpfer nicht nur garantiert, es ist dieser Schöpfer. Und hier liegt eine erste Antwort auf unsere Frage vor. Denn wenngleich Epiktet die Gottheit mit allerlei personalisierenden Attributen belegt, so z.B. dass sie dem Menschen gegenüber gütig sei und sie wünsche, dass der Mensch sich ihr durch Vernunft annähere, so sind dies doch nicht Eigenschaften einer Person Gott, sondern es sind die logischen, vernünftigen Konsequenzen aus dem Schöpfungsakt. Der Mensch kann und soll sich nicht deshalb Gott annähern, weil dieser sich ihm in Liebe zuwendet, sondern weil es der Natur des Menschen entspricht, weil es ideell, vom ontologischen Prinzip des Menschen her richtig ist. Folgerichtig gibt es bei Epiktet auch keine Offenbarung, keine Gnade. Denn da der Mensch von Natur aus sich selbst, wenn er nur vernünftig ist, zu Gott hin ausrichten und sich ihm in Einklang bringen kann, bedarf es keines Entgegenkommens von Seiten Gottes, keinen gnadenhaften Willensakt des Schöpfers auf diesen speziellen Menschen hin, denn der Wille drückt sich ja, für alle Menschen gleich, im Naturgesetz aus. Auch in diesem Punkt ist Epiktet folgerichtig von der Offenbarungsreligion des monotheistischen Christentums entfernt.

Doch wer liest, wie Epiktet vom Menschen einfordert, dass er Gott für die Gaben, die er in seiner Güte dem Menschen gegeben hat, gelobt werden soll und das Gott das Leben des Mensch gleichsam wie ein Fest für diesen ausgerichtet hat, dass er an der Schöpfung freudig teilhabe, der fühlt sich doch an den Gott Israels erinnert, der zu seinem Volk in liebender, fürsorglicher Treue steht und ihm ein Land von Milch und Honig übergibt. Doch man irrt über der schwärmerischen Rhetorik Epiktets. „Es ist die Aufgabe des Menschen, Gott für seine Gaben zu danken: Ein Mensch bin ich, der denken kann. Darum will ich Gott lobsingen“, ist eine ganz andere Begründung als die des Paulus. Hier geht es nicht um den rettenden, persönlich eingreifenden Gott, der gelobt wird, sondern um den Gott, der den Menschen qua Natur mit der Fähigkeit des vernünftigen Urteils ausstattet, aus dem dann die Erkenntnis der Wohlordnung der Natur entspringt, die der Mensch als vernünftig komponierte Werk des göttlichen Werkmeisters sieht und diese lobt. Die Bevorzugung des Menschen entspringt auch nicht der Güte Gottes, die sich dem einzelnen Menschen zuwendet, sondern dem Naturgesetz, dem göttlichen Logos. Ein weiterer Aspekt der Paulinischen Theologie, der auch über den Tod hinaus liebende und über den Tod triumphierende Gott ist Epiktet, der keine jenseitige Welt kennt, fremd, wobei dies kein notwendiges Kriterium personaler Gottesvorstellung ist.
  1. Zusammenfassung
Vergleichen wir also die Gottesvorstellungen Epiktets mit denen des Paulus, so können wir resümieren, dass sich Epiktet ganz in der Tradition der Stoa befindet und damit ein monistisches, pantheistisches Gottesbild vom alles durchdringenden, alles vernünftig lenkenden Logos vertritt. Dieses hat ist dem monotheistischen, personalen Erlösergott des Paulus nur in manchen Konsequenzen für den Menschen und einigen Formulierungen, nicht jedoch wesensmäßig ähnlich.

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