Donnerstag, 19. Juli 2012

Gerichtswesen in Palästina

Die Frage der Pharisäer an Jesus nach den kaiserlichen Steuern  verweist uns nicht nur auf die Steuerpraxis in Palästina, sondern auch auf das Gerichtswesen. denn warum wollte die jüdische Obrigkeit Jesus den Römern ausliefern, anstatt ihn selbst vor Gericht zu stellen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich die Kompetenzen bewusst machen, welche die jüdische Obrigkeit zur damaligen Zeit noch hatte und anschließend jene, welche durch die römische Administration übernommen wurden.
Wäre die Verhandlung unter den Juden geführt worden, hätte sie vor dem Synhedrion stattgefunden, das in den deutschen Bibelübersetzungen üblicherweise mit „Hoher Rat“ wiedergegeben wird. Was war dieses Synhedrion in der Zeit Jesu? Es handelte sich um eine jüdische Behörde, die sich aus den wichtigsten Mitgliedern der Elite zusammen setzte. Synhedrien gab es in jeder größeren Ortschaft, wo sie das wichtigste Organ jüdischer Selbstverwaltung bildeten. Indes ist über diese nur wenig bekannt. Konkrete Informationen liegen lediglich über das Synhedrion von Jerusalem vor, das als einziges auch eine überregionale Bedeutung besaß und wahrscheinlich aus 71 Mitgliedern bestand. Diese setzten sich aus drei Gruppen zusammen. Die Erste sind die Oberpriester des Tempels, also Mitglieder der priesterlichen Aristokratie. Als nächstes kommen die Ältesten. Man kann davon ausgehen, dass damit Mitglieder aus mächtigen Laienfamilien Jerusalems gemeint sind. Zuletzt sind die Schriftgelehrten zu nennen. Während die ersten beiden Gruppen damals zu den Sadduzäern gerechnet werden, handelte es sich bei der dritten um Pharisäer. Das Synhedrion tagte unter dem Vorsitz des Hohepriesters. Hatte es vor der römischen Besetzung weitreichende Kompetenzen in vielen kultischen und politischen Fragen der Juden gehabt, war es danach, was seine politischen Möglichkeiten anging, deutlich eingeschränkt, während seine Zuständigkeit über die Kultgemeinde unangetastet blieb. Wie weit seine politische Kompetenzen gingen ist strittig und soll hier nicht weiter erörtert werden. Wichtig ist, und darin ist sich die Forschung weitgehend einig, dass das Synhedrion weitgehend für das Zivilrecht zuständig war, zusätzlich zu seiner religiösen Jurisdiktion. Dies entsprach auch dem Grundsatz Roms, nachdem all jene Aufgaben, die nicht unmittelbar die Interessen des Reiches betrafen, weiterhin von den lokalen Eliten unter Beibehaltung ihrer Traditionen geregelt werden sollten, um den administrativen Aufwand der Zentrale möglichst gering zu halten. Doch geht es bei der Ausschaltung Jesu nicht um einen Zivil-, sondern um einen Strafprozess. Wieweit hierbei die Kompetenz des Synhedrion geht, ist in der Forschung zwar umstritten, doch hat man sich mittlerweile darauf verständigt, dass der Synhedrion üblicherweise nicht die kapitale Gerichtsbarkeit besaß. Überhaupt war es üblich, dass sich Rom Prozesse, in denen die Todesstrafe verhängt werden konnte, vorbehielt. Lediglich eine Ausnahme von dieser Regel ist überliefert, nämlich dann, wenn die Reinheit des Tempels verletzt wurde. Nur in diesem Fall besaß das Synhedrion nachweislich die Zuständigkeit, einen Kapitalprozess zu führen. Dies aber traf bei Jesus nicht zu.

Wie aber gestaltete sich die Gerichtsbarkeit des Präfekten? Prinzipiell war der Präfekt als ranghöchster Vertreter des römischen Staates in der Provinz Judäa für die ganze Jurisdiktion zuständig. Wie bereits angesprochen, wurde die zivile Gerichtsbarkeit aber weitgehend den lokalen Behörden überlassen, während der Präfekt sich die Strafrechtspflege vorbehielt. Beides beruhte auf dem imperium praefecti, das ihm die kapitale Koerzition und Kognition verlieh. Indes war auch seine Zuständigkeit in diesem Fall nicht unbeschränkt, sondern bezog sich primär auf Provinziale und Unfreie, während römische Bürger ein Provokationsrecht besaßen, dass es ihnen erlaubte, ihren Fall in Rom dem Kaiser vorzulegen. Man muss erwähnen, dass eine Verbindung von politisch-militärischer und juristischer Funktion in der Zeit des Prinzipats nicht mehr notwendigerweise der Fall war. Auch war es nicht üblich, dass der Statthalter diese Aufgaben persönlich wahrnahm. Doch war Judäa, man kann dies schon am Amt des Präfekten sehen, in einer besonders heiklen Situation. Das Land war ständig gefährdet in Unruhe zu versinken, weil das jüdische Volk Palästinas und besonders Judäas aufsässiger war als die meisten anderen Völker, welche die römische Herrschaft längst akzeptiert hatten. In einem derartigen Krisenherd hing die Effizienz der römischen Herrschaft davon ab, dass der Präfekt die uneingeschränkte Kompetenz über die Kapitalsachen hatte. Und dies nicht nur um das Volk unter Kontrolle zu halten, sondern auch um etwaigen Fehlentscheidungen der lokalen Elite vorzubeugen, die nicht mehr rückgängig zu machen waren.

Die römische Gerichtspraxis in der Provinzen ist damit Teil jener Befriedungsstrategie, auf die sich die Römer Zeit ihres Imperiums soviel einbildeten. Das sie vergleichsweise gut funktionierte, zeigt auch die Geschichte Jesu und des frühen Christentums. Zwar wurde Jesus letztlich gekreuzigt, doch zumindest gab es einen ordentlichen Prozess, während der Sanherin einen außerordentlichen durchführte, währende machen Verfolgung des frühen Christentums durch die Juden in Palästina durch die Römer abgewendet wurde.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...