Freitag, 15. Juni 2012

Zölibat und Bibel

Vor kurzem fragte mich ein Kommilitone, ob ich ihm etwas über das Zölibat erzählen könnte. Besonders würde ihn interessieren, ob es für diese Lebensform eine biblische Begründung gibt. Da ich nun gerade einen Beitrag zum Thema Zölibat bei der Pilgerin - sehr lesenswert, hier zu finden - gelesen habe, erlaube ich mir, die Antwort zu posten, die ich ihm gab.

Der Katechismus der Heiligen Kirche lehrt hierzu:

1579 Mit Ausnahme der ständigen Diakone werden alle geweihten Amtsträger der lateinischen Kirche normalerweise aus den gläubigen Männern gewählt, die zölibatär leben und den Willen haben, den Zölibat „um des Himmelreiches willen" (Mt 19,12) beizubehalten. Dazu berufen, sich ungeteilt dem Herrn und seiner „Sache" zu widmen [Vgl. 1 Kor 7,32], geben sie sich ganz Gott und den Menschen hin. Der Zölibat ist ein Zeichen des neuen Lebens, zu dessen Dienst der Diener der Kirche geweiht wird; mit freudigem Herzen auf sich genommen, kündigt er strahlend das Reich Gottes an.

Die beiden Stellen verweisen auf die besondere Hochschätzung, die man seit den Tagen Jesu und der Apostel dem zölibatären Leben bewiesen hat:

Mt 19,12: Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht; und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es!

1 Kor 7,32-38: Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid. Wer ledig ist, der sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er dem Herrn gefalle; wer aber verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens.... Also, wer seine Jungfrau heiratet, der handelt gut; wer sie aber nicht heiratet, der handelt besser.

Im Übrigen geht ja schon aus der Geschichte des Lebens Jesu und seiner Apostel eine gewisse zölibatäre Lebensform zurück. Bei der Jesus-Bewegung handelte es sich um eine Wanderbewegung, dass heisst, der harte Kern der Jünger war mit Jesus unterwechs, vermutlich von Frau und Kind getrennt. Auch die Reisetätigkeit eines Petrus oder eines Paulus lässt sich schlecht mit einer Ehe vereinbaren und so erfahren wir von Frauen im Leben der wichtigsten Apostel nichts. Auch Jesus war, wenngleich es eigentlich nicht erwähnt werden muss, unverheiratet. Das alles sind die Männer, nach denen sich der Priester ausrichtet, denen er nachzufolgen will. Die Kirche spricht hier von der Ganzhingabe. Diese Ganzhingabe wird durch eine eheähnliche Beziehung gestört bzw. behindert, wie es ja die Schrift selber lehrt. Und es ist ja auch jedem ganz einsichtig, dass eine Ehe einem Menschen Pflichten auferlegt und an ihn Ansprüche stellt. Kann ein Familienvater sich ganz Christus hingeben und in der Nachfolge der Apostel seinen eigenen Willen aufgeben, um ganz allein Christus zu gehorchen? Oder muss er nicht vielmehr Rücksicht auf seine Familie nehmen und muss der radikalen Erfüllung des göttlichen Willens die familiären Interessen voranstellen? Auch der Herr selbst hat ja seine Familie abgewiesen (Mk 2,31; Mt 12,46-50; Lk 8,19ff). Nicht weil er sie nicht geliebt oder er missachtet hätte (Joh 19,25), sondern weil er seine Botschaft von Gott als wichtiger ansah und sich dieser Botschaft ganz untergeordnet hat. So soll auch der Priester handeln und deswegen hat es die Heilige Kirche befunden, ihm das Zölibat vorzuschreiben.

Kommentare :

  1. Ich habe in einem Kommentar an o.g. Orte, drei Videos von Dr. J. J. Kreier zur Geschichte und Bedeutung des Zölibats verlinkt. Ich halte diese Videos für sehr empfehlenswert.

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  2. Danke. Werde sie mir ansehen und dann an den Kommilitonen weiterleiten.

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  3. In Mt 19,12 steht nichts von Zölibat (wenigstens nicht im heutigen Sinn) und nur indirekt von 'zur Ehe unfähig', sondern es ist die Rede von Verschnittenen, sprich: Eunuchen. Der Sinn des heutigen Zölibats besteht aber nicht darin, sich zu verstümmeln. Als biblische Begründung ist Mt 19,12 daher wenig sinnvoll, finde ich.
    Der Katechismus zitiert aus PO 16. Dort steht als erster Satz "Die Kirche hat die vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen, empfohlen [und hier kommt in einer Fußnote: Vgl. Mt 19,12]..." Aber eine schwache Begründung wird nicht stärker, indem ich sie einfach wiederhole. Wenn ich mir Mt 19,10 durchlese, habe ich auch eher das Gefühl, dass die Jünger Jesu sich nicht ohne exit option auf eine Ehe einlassen wollen.
    Zum Bezug auf Paulus: Klar war er ungebundener und konnte sich ganz für seinen Auftrag einsetzen. Aber Paulus war nicht verbeamtet, hatte keinen Urlaubsanspruch, kein mietgünstiges Pfarrhaus...
    Die hohe zeitliche Belastung und den kompromisslosen Einsatz für die Sache Jesu halte ich unverändert für gute Argumente für die zölibatäre Lebensweise, aber die biblischen Begründungen sind für mich eher schwach und pragmatisch angelegt.

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  4. @ Wolfgang:

    Wie ich in meiner Einleitung dargelegt habe, ging es bei der Ausgangsfrage konkret um biblische Begründungen für das Zölibat. Du hast damit recht, dass die angeführten Stellen für das Zölibat, zumal in seiner heutigen Form, eher schwach sind. Es gibt jedoch, wie oben gezeigt, durchaus Hinweise in der Bibel, die keimhaft eine Entwicklung zum Zöliabat begründet haben. Diese Entwicklung wird im nächsten Teil der Serie skizziert.

    Ich gebe zu, dass es mir nicht bekannt war, dass sich Mt 19,12 auf Eunuchen bezieht. Gerade der Schlussteil des Satzes "... um des Himmelreichs willen" erscheint mir da etwas merkwürdig. Vllt. kannst du mir hier eine Belegstelle anführen, damit ich die Argumentation besser nachvollziehen kann.

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  5. Hallo MC,
    wenn du Theologie studierst, besitzt du sicher eine griechische Ausgabe des NT, z.B. den Nestle-Aland. Im Griechischen findest du den Ausdruck eunuchestai (ich bekomme hier keinen griechischen Zeichensatz rein). Darunter wurde damals jemand verstanden, der entweder natürlicherweise oder durch gewollten Eingriff impotent ist. Daher halte ich das für eine nur begrenzt taugliche Belegstelle ;-)
    Im LThK steht dazu (Art. Eunuch): "In frühchristlicher Zeit wurde die Selbstverstümmelung in Missdeutung von Mt 19,12 geübt. Das Konzil von Nizäa (325) verbot den Klerikern, die sich verstümmelten, die Ausübung der Weihe."
    Ehelosigkeit um des Himmelreichs wurde zweifelsfrei als Wert anerkannt (vgl. nochmal LThK, Art. Zölibat, I. Historisch-theologisch). "Querverbindungen zur Lebensform von Amtsträgern können indirekt hergestellt werden... Universalkirchlich verbindliche Regelungen finden sich erst im Mittelalter." Angeführt wird dann DH 711, das 1. Laterankonzil, das war 1123, also zu einer Zeit, in der die Kirche an Macht und Einfluss gewonnen hatte und es u.a galt, Dynastiebildungen zu verhindern.
    Biblische Begründungen sehe ich keine wirklich harten, was dem Wert der zölibatären Lebensform für den, der dazu berufen ist, aber keinerlei Abbruch tun muss. Wer ohne Partnerin und ohne Kinder lebt, ist im Extremfall auch nicht so leicht erpressbar. In Deutschland (heute) kein Problem, aber in manchen Teilen der Welt schon (oder in Deutschland im 3. Reich).
    Ich würde das Zölibat auch nicht zu sehr ideologisch überfrachten. Rein kirchenrechtlich können anglikanische, verheiratete Priester, die katholisch werden, auch als katholische Priester tätig sein. Den dazu erforderlichen Dispens kann allerdings nur der Papst erteilen.

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  6. @ Wolfgang:

    Leider hast du eine zu hohe Meinung von mir. Da ich nur kleiner unbedeutender Nebenfächler Theologie bin und nie die Zeit hatte, es zu lernen, kann ich leider kein Griechisch und habe daher auch keine deuscht-griechische Bibelausgabe. Ich danke dir daher für den Hinweis und werde selber bei Gelegenheit an der Uni einen Kommentar wälzen. Deinen weiteren Ausführungen stimme ich voll zu und werde Teile davon Morgen behandeln.

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  7. Am Ende gibt du Mk2,31 an,
    da ist nichts
    ich glaube du meinst Mk3,31

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  8. @Wolfgang:
    "Darunter wurde damals jemand verstanden, der entweder natürlicherweise oder durch gewollten Eingriff impotent ist."

    Dies impliziert eine Zeugungsunfähigkeit. Für mich wäre dann die Bibelstelle in Deiner Lesart so zu verstehen, dass unterschiedliche Formen der "körperlichen Unfähigmachung" aufgezählt werden (natürlich, fremdverursacht, selbstverursacht). Dies wäre im Kontext von Enthaltsamkeit sinnvoll, aber hier geht es um die Ehe. Nun scheint das Wort eunuchos eineswegs so streng auf "körperliche Unfähigkeit" bezogen zu sein, sondern auch "selbstgewählte Enthaltsamkeit von der Ehe" zu bedeuten: http://biblesuite.com/greek/2135.htm
    Vielleicht hast Du ja Kenntnis, ob es im Griechischen überhaupt ein Wort für „allein, unvermählt lebend“ gibt? Darüberhinaus wäre zu fragen, was das aramäische Korrelat zu eunuchos ist. Vielleicht hast Du dazu eine Information?

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