Samstag, 16. Juni 2012

Widerspricht das Zölibat dem Alten Testament?

Das 'Problem' mit dem Zölibat ist, dass es zwar im Neuen Testament vor allem durch Paulus Erwähnung findet, jedoch im Alten Testament keine eigentliche Entsprechung hat. Ja, man kann sogar in den 5 Büchern Mose Stellen finden, die dem Zölibat zu widersprechen scheinen. Zwei dieser Stellen hat mein Kommilitone aufgeführt, Gen 2,18 und 2,24:

Du hast hier zwei wichtige Stellen angeführt, in denen sich die Hl. Schrift mit dem Zusammenleben zwischen Mann und Frau befasst. Die Bibel spricht hier von einem Grundvollzug der menschlichen Natur, nämlich der Verbindung zweier Menschen und der Zeugung von Kindern. Auf diese Weise heiligt die Schrift eine solche Verbindung, indem sie sie als gottgewollt ausweist. So weist die Schrift die Ehe und ihre Vollzüge als eine Form der Heiligung des Menschen aus. Wohlgemerkt ist an diesen Stellen und auch an keiner anderen Stellen in der Hl. Schrift eine Anweisung ausgesprochen worden eine Ehe einzugehen, in dem Sinne, dass es sich um ein Gesetz handeln würde, dass der Mensch zu erfüllen habe.
Ja, die Schrift widerspricht einer solchen Interpretation sogar implizit wie explizit. Denn wäre die Heirat und ihr Vollzug ein Teil des Gesetzes, dann wäre Jesus, der das Gesetz ganz erfüllt hat, ja verheiratet gewesen. Hingegen lehrt der Herr: „Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht um des Himmelreichs willen.“ (Mt 19,12).
Befassen wir uns nun noch einmal konkret mit den beiden Stellen:
Gen 2,18: „Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“
Hier wird der Charakter der Beziehung zwischen Mann und Frau beschrieben, ja die Beziehung zwischen Menschen grundsätzlich. Der Mensch wird als Gruppentier ausgewiesen, der von seiner Natur nicht dazu veranlagt ist, allein klar zu kommen. Das entspricht ja auch den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften. Zum anderen wird die Frau als Gehilfin des Mannes ausgewiesen. Darüber kann man heute geteilter Meinung sein. Wir würden es daher heute nicht mehr als Subordination, also Unterordnung, sondern als Beiordnung verstehen. Damit weist Gott die Familie, die sich in der Verbindung von Mann und Frau stiftet, als kleinste Zelle der menschlichen Gemeinschaft aus. Eine Notwendigkeit zu einer solchem Gemeinschaft wird hier hingegen nicht allgemein festgestellt.
Gen 2,24: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch“
Hier wird der Vorgang explifiziert, den ein Mann durchmacht, wenn er eine Frau heiratet. Zunächst einmal löst sich der Mann bis zu einem gewissen Grad von seiner bestehenden Familie, er tritt also aus ihr heraus. Ein solcher Vorgang kann, gerade in einer patriarchalen Kultur, kritisch betrachtet werden, weshalb die Hl. Schrift den bedingten Emanzipationsvorgang autorisiert. In einem zweiten Teil wird erneut das Wesen des Beziehung von Mann und Frau umschrieben. Ein Fleisch bezieht sich sowohl auf die sexuelle Vereinigung, als auch auf die besonders enge Verbindung der Eheleute zueinander. Wie bereits in der Vorhergehenden Stelle wird aber keine Notwendigkeit eines solchen Vorganges verlangt.

Kommentare :

  1. Deiner Conclusio stimme ich grundsätzlich zu.

    Allerdings glaube ich nicht, dass der Kommilitone hier den von dir ausgesagten Imperativus Absolutus meinte, sondern lediglich auf die Frage der Wahl zwischen beiden Wegen bezog. Das Beispiel Abraham steht aber in Kohärenz mit dem Erstlingsopfer, wie es sich später formuliert im mosaischen Gesetz findet, weshalb es auf den konkreten Fall unter den oben genannten Bedingungen keine Anwendung finden kann.

    AntwortenLöschen
  2. Der obrige Kommentar bezieht sich auf einen anderen Kommentar, der durch das System versehentlich gelöscht wurde. Ich bitte den Autor um Vezeihung. Er kann, wenn er das liest, den Kommentar gerne wiederholen, sollte er es wünschen.

    AntwortenLöschen
  3. Das ist eine sehr interessante Fragestellung. Wenn Du erlaubst, werde ich auf meinem Blog dazu gerne etwas aus religionshistorischer Sicht schreiben.

    AntwortenLöschen
  4. Ja immer gern. Ich freue mich schon sehr darauf, es zu lesen.

    AntwortenLöschen
  5. ... wenn ich das AT so Revue passieren lasse, dann ist dort wohl das genaue Gegenteil des Zölibats, nämlich die Vielehe en vogue. Aber die Kirche hat ja was draus gemacht. Den Pflichtzölibat für Kleriker. Hat aber lange gedauert. Über tausend Jahre.

    AntwortenLöschen
  6. @MC: Ich bekomme meinen Kommentar derzeit nicht mehr 100%ig im Kopf hin, aber ich bemühe mich weiter

    AntwortenLöschen
  7. @Markus:
    Danke. Entschuldige noch mal das Löschen.

    @Anonym:
    Ob ich Polygamie und Zölibat in einem Satz sagen würde, weiss ich nicht. Ich denke das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Über die Frage der Entwicklung des Zölibats vgl. den 3. Post zum Thema.

    AntwortenLöschen
  8. Versuch einer Rekonstruktion

    wäre die Stelle aus Genesis als Imperativus Absolutus zu erstehen, dann wäre Jesus Christus tatsächlich in seinen Pflichten Gott gegenüber nachlässig gewesen.

    Auch Gott hätte quasi inkonsequent gehandelt, denn im gleichen Buch Genesis im Kapitel 22 verlangt Gott von Abraham, den Knaben Isaac zu opfern. Als Knabe hat er noch keine Nachkommen gezeugt, hätte also den Imperativus Absolutus nicht erfüllt und hätte somit nicht Stammvater Jesu werden können.

    Der Eingriff Gottes durch den Engel geschah aber meiner Meinung nach nicht, den Imperativus Absolutus zu retten, sondern da Menschenopfer Gott ein Greuel sind.

    Meine Conclusio war daher, daß beide Wege gottgefällig sind.

    So in etwa lautete mein erster Kommentar, oder wie Botschafter Kosh sagte: "Wir sind schon immer hier gewesen"

    Das von Dir genannte Erstlingsopfer paßt meines Erachtens doch hier hinein, denn man machte die Erstgeburt Gott zu eigen, man könnte fast meinen im Hinblick auf Jesus Christus, denn das Erstlingsopfer ist durch Geld oder Dienst zu leisten, nicht durch tatsächliches Menschenopfer, erst Jesus Christus wird vollständig in Gottes Dienst gerufen bis zum Opfer am Kreuz und somit auch dem Eheleben entzogen.

    Mir fällt auf Anhieb niemand aus dem Alten Testament ein, den Gott so mit Beschlag belegt hat, daß er keine Frau heiraten konnte, und versuchen Kinder zu zeugen. Obwohl Unfruchtbarkeit sowohl Zeichen der Strafe Gottes sein konnte, als auch der Auserwählung, ich denke hier an die Hanna, die sehr spät erst empfing, das Prä-Magnificat sang, und ihren Sohn Samuel als Prophet und letzter der Richter Israels ein. Doch die Vereinnahmung war nicht vollständig, den Samuel hatte Söhne, auch wenn diese wie Eli's Söhne nicht würdig waren das auserwählte Volk zu führen, weswegen Samuel Saul zum König salbte, und als dieser sich Gottes Willen nicht beugte auch David salbte. David wiederum lebte auch nicht zölibatär, ich sage nur Michal und
    Batseba.

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...