Mittwoch, 20. Juni 2012

Schau mal wer da lächelt

Ich kenne eine Kommilitonin, die sich momentan mit dem Buddhismus beschäftigt, weil sie das Konzept des Buddhismus interesssant, gut und spirituell findet. Am besten findet sie dabei, dass der Buddhismus ohne einen persönlichen Gott auskomme, den Menschen nicht von einem höheren Wesen oder eine Kirche abhängig mache, also für Freiheit und Selbstverwirklichung stehe. Auch das Konzept des nirwana findet ihre Zustimmung, weil die Überwindung allen Leidens als positiv gewertet und selbst erreicht werden kann.

Eine Vorliebe, die ich nicht teile. Ich gebe zu, meine Kenntnisse über den Buddhismus beschränken sich auf die Erinnerungsreste einer Vorlesung, die ich einmal in Religionswissenschafen darüber gehört habe. Allerdings war schon das, was ich gehört habe, nicht dazu geeignet, mich für ihn zu begeistern. Ebenso wenig wie ich nebenbei ein Fan des Dalai Lama bin. Zwar will ich nicht die spirituellen und religiösen Fähigkeiten des Mannes in Frage stellen, ebensowenig wie seinen Einsatz für sein Land und sein Volk. All das verdient unsere Hochachtung. Aber wir sollten doch nicht meinen, dass der Buddhismus so friedlich, liebevoll und frei ist, weil der Dalai Lama so schön lächelt und wir nichts von einer tibetischen Inquisition wissen. Denn das ist meiner Meinung nach das Hauptproblem, das der moderne westliche Mensch hat: Keine Ahnung mehr über seine eigenen christlichen Wurzeln versucht er sich in einem Buddhismus, den er entweder genauso oberflächlich betreibt wie das Christentum hierzulande betrieben wird oder in den er sich reinversenkt und dann ein Christentum dagegenhält, mit dem er sich nie beschäftigt hat und von dem er nur eine unklare und zumeist falsche Vorstellung hat.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf ein Interview mit dem vormaligen Buddhisten Paul Willams, durch das dieser Post wesentlich inspiriert ist. Davon ausgehend möchte ich besonders auf drei weitere Punkte möchte ich aufmerksam machen, die mir sehr wichtig sind, weil ich sie immer nur vermutet und nunmehr bestätigt und erklärt bekommen habe: Was der Dalai Lama eigentlich macht, was der Buddhismus eigentlich lehrt und ob es wirklich so leicht ist, Buddhist zu sein.

Es herrscht ja in weiten Kreisen das Gerücht vor, der Dalai Lama sei ein netter alter Mann der alle Menschen versteht und alle Religionen gleich gut findet. Dem widerspricht Williams: "Der Dalai Lama ist von der Wahrheit und Überlegenheit des Buddhismus absolut überzeugt."
Genauso wenig wie es dem Dalai Lama um die Menschen im Westen geht. Wichtig ist ihm allein das tibetische Volk. Und dagegen sagt ja auch keiner was. Nur sollte man sich dessen bewusst sein und sich klar machen, dass er sich dem jeweiligen Publikum anpasst und seinen Tibetern was anderes erzählt als uns Wessis. Das ist nicht etwa Verlogenheit. Sondern einfach clever. Denn da er keine weltliche Macht mehr hat und seine Glaubensgemeinschaft auch zu klein ist, um einen nennenswertes Machtpotential darzustellen, lebt sein weltweiter Einfluss vor allem von Publisity, die man im säkularen Westen am besten mit säkular-spiritistischen Worten erreichen kann. Für eine solche Klugheit gibt es im Buddhismus sogar ein eigenes Wort: "upayakaushalya". Dabei nutzt der Dalai Lama auch den Umstand, dass ein Begriff gleich lauten aber verschiedenes meinen kann. Gott bedeutet für einen Buddhisten z.B. etwas völlig anderes als bei uns. Nur weiss das hier kaum einer.

Die berühmteste westliche Mähr über den Buddhismus aber ist die Frage der Wiedergeburt. Unterstützt von zahlreichen Fernsehsendungen glauben viele Wessis, Wiedergeburt bedeute, der Körper werde zwar ausgelöscht, das Ich des Menschen, also der Kern der Person, bestehe aber in einem anderen Körper weiter. Das ist jedoch eine grobe und tendentiell verfälschende Ansicht der Buddhistischen Lehre. Weil ich das nicht so schön erklären kann, zitiere ich Williams:
"Im Zug einer wissenschaftlichen Arbeit verstand ich zum ersten Mal die Bedeutung der buddhistischen Standard-Behauptung, dass die wiedergeborene Person nicht dieselbe Person ist wie die verstorbene. Es heißt zwar, sie sei weder dieselbe noch eine andere, mir scheint aber, es muss eine andere sein. Selbst im höchst unwahrscheinlichen Fall, dass ich als Mensch wiedergeboren würde, wäre das nicht „ich". Die Identität der Person kann die Veränderungen, die mit einer Wiedergeburt einhergehen, vor allem die Veränderungen, die mit der radikalen Unterbrechung körperlicher Kontinuität einhergehen, nicht überleben. Einflussreiche buddhistische Gelehrte haben genau so argumentiert. Das ist auch ein Grund, warum Buddhisten die Wiedergeburt immer als etwas „Schreckliches" gedacht haben. Da wir in diesem Leben sicher nicht zur Erleuchtung gelangen, ist unser Tod das Ende. Insofern ist der Buddhismus hoffnungslos. Er gibt im Unterschied zum Christentum auch keine Hoffnung für unsere menschlichen Beziehungen, egal wie wesentlich sie sind, wie tief die Liebe ist."
Das führt uns zum letzten Thema. Wer sich für den Buddhismus interessiert, der sollte wissen, dass es sich hierbei nicht um eine Philosophie im luftleeren Raum handelt, sondern um eine indisch-asiatische Religion. Fast alle Gemeinsamkeiten, die der Buddhismus mit westlichen Denksystemen scheinbar gemeinsam hat, gehen verloren, wenn man in die Tiefe blickt. So ist nicht nur unsere säkulare Erziehung, sondern auch unserer Prägung dafür verantwortlich, dass wir Wessis den Buddhismus kaum verstehen und es uns viel schwerer als einem Asiaten fällt, wirklich Buddhist zu werden. Wer Buddhist sein will, richtiger Buddhist, bei dem reicht es nicht, wenn er meditieren lernt. Meditationstechniken ähneln sich durch alle Kulturen stark und die Zen-Meditation hat mit dem christlichen Ruhegebet von seiner Technik her mehr gemeinsam als mit der tibetischen Meditationsform. Daher ist Meditation als reine Technik etwa so mystisch und spirituell wie das Verspeisen eines Brotes in der Kirche. Ohne Gebet, ohne Bewusstein für Tradition und Lehre und ohne Priester ist das nur eine Brotzeit, keine Heilige Kommunion. Dessen ungeachtet ist Brot essen zu empfehlen, und Entspannungstechniken sind auch eine gute Idee. Nur hat das nichts mit Buddhismus zu tun. Das kann ich auch als Christ, Atheist und Animist machen. Wirklich Buddhist zu werden erfordert gerade für den Wessi viel Mühe, Fleiss und Wandlungsbereitschaft.

So darf ich abschließend - ganz unparteiisch - schließen: All diese Mühe, Fleiss und Wandlungsbereitschaft kann der Wessi ebenso gut darin investieren, eine wirklicher und besser Christ zu werden. Machen wir es also wie der Dalai Lama: Verteidigen wir, was wir haben, wachsen wir indem, was wir kennen und bleiben wir, was wir sind.

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