Donnerstag, 21. Juni 2012

Gehorsam und Heiligkeit

Neulich laß ich einen Artikel über das Vorgehen des Vatikans gegen den US-Amerikanischen Nonnendachverband. Der Vatikan hat den Verband der amerikanischen Nonnen unter Aufsicht gestellt, weil die Klosterfrauen neben ihren vielen lobenswerten Eigenschaften auch einige Neigungen kultiviert hatten, die einer Nonne nicht gut anstehen. Dazu gehören eine Leidenschaft für's Politische, ein ausgeprägter Feminismus und Ungehorsam gegenüber dem Lehramt und der Hierarchie. Besonders der letzte Punkt scheint mir besonders dramatisch. Denn der Ungehorsam ist die Wurzel vieler Probleme und das Haupthindernis für deren Beseitigung. Konkret wären die Ehrwürdigen Schwestern sicher weniger Feministisch und weniger weltzugewandt/renitent, wenn sie sich an die Ordensgelübde, Ordensregeln und grundlegenden Aussagen der Hierarchie halten würden.

Doch natürlich ist das nur meine Meinung und eine progressive Kommiltonin stellte sich demonstrativ auf die Seite der Ordensfrauen. Ihrer Meinung nach könne der Vatikan nicht mehr einen Gehorsam einfordern, wie er vor 200 Jahren mal bestand und wenn, dann könne er auf die ganzen emanzipierten Ordensschwestern pfeifen, die sich nicht mehr in die Koch-und-Strick-Ecke verbannen lassen würden. Denn diese Zeit sei vorbei, was augenscheinlich werde, wenn man sich solche ultra-konservativen Orden ansehe, die vor dem Aussterben stünden.

Nun kann man daran vieles bemerken.
Doch am wichtigsten erscheint mir die eher leichthin reingeworfene Bemerkung eines Gehorsams von vor 200 Jahren. Deswegen habe ich mich gefragt, ob Gehorsam etwas zeitspezifisches oder zeitlos ist. Ich würde sagen, dass beides zutrifft. Gehorsam - hier gegenüber dem Lehramt der Kirche - formt sich in verschiedenen Zeiten unterschiedlich aus bzw. ist verschiedentlich ausgeprägt. Er besitzt jedoch eine zeitlose Komponente. Zeitlos am Gehorsam ist (meiner Meinung nach) die grundsätzliche Akzeptanz der Lehre der Kirche als Richtmaß des Glaubens. Natürlich darf und soll darüber diskutiert werden, solange diese nicht festgelegt ist und im Rahmen dieser Lehrmeinung - dogmatisch zumeist ja negativ formuliert - kann es unterschiedliche Auslegungen geben. Auch ist nicht jede Lehre der Kirche von gleicher Autorität (z.B. ist die Zölibatsfrage viel weniger wichtig und auch viel weniger treu zu glauben wie die Lehre von der Transsubstantiation). Aber ich komme vom Thema ab. Das zeitlose am Gehorsam ist also meiner Meinung nach: 1. Das Beispiel Christi, der uns den Gehorsam gegen den Vater vorgelebt hat, 2. die demütige Erkenntnis, dass ich der Belehrung durch die Kirche bedarf, 3. ihre Lehre daher als grundlegend für meine eigenen Glauben anerkenne, denke und lebe.

Eine damit zusammenhängende Frage ist, ob wir heute Gehorsam weniger nötig haben als vor 200 Jahren. Das würde ich glatt verneinen. Denn der Gehorsam ist ja nicht deshalb notwendig, weil wir alle so tolle Menschen und wunderbare Christen sind. Sondern weil wir gerade das nicht sind. Die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber der Kirche als der authentischen Interpretin der Offenbarung steht damit in Kohärenz mit der Heiligkeit. Wenn wir heute heiliger wären als vor 200 Jahren, dann müssten wir auch weniger Gehorsam sein. Doch wenn ich mich so umsehe kann ich keinen Anhaltspunkt für eine solche These entdecken. Es ist eher schlimmer geworden. Die meisten Christen scheinen mir eher weniger heilig als vor 200 Jahren, weshalb wir den Gehorsam eher nötiger hätten als damals.

Dies führt uns zum letzten Aspekt, nämlich dem positiven Zusammenhang von Gehorsam und Heiligkeit. Wenn wir die Geschichte des Christentums überblicken und besonders die zahlreichen Heiligen betrachten, dann finden wir dort - welche Überraschung - keine eigentliche ungehorsamen Christen. Ich denke da z.B. an Thomas von Aquin. Was tat dieser Mann, der wirklich ein überragender Heiliger und Denker war, am Ende seines Lebens? Er wies seinen Schülern nicht etwa an, sie sollten seiner Lehre folgen. Sondern er erklärte seine Unterwerfung unter das Urteil der Mutter Kirche und zeigte sich zuversichtlich, dass diese ihn überall dort, wo er geirrt habe, korrigieren werde. Oder die Hl. Hildegard von Bingen: Brach sie etwa bei der ersten Vision aus dem Kloster aus und erzählte jedem, der es hören wollte davon nach dem Motto: Gott spricht zu mir, hört gefälligst auf mich? Nein! Sie befragte zuerst ihren Abt - kein besonders nobler Mensch, wie die weitere Geschichte zeigte - und dann, um sicher zu gehen, den Hl. Bernhard und unterwarf sich seinem Urteil. Diese Liste lässt sich beliebig verlängern.

Sind all diese Heilige einfach schrecklich unmodern mit ihren Gehorsam von vor 900 Jahren? Kann sowas den heutigen Heiligen nicht mehr zugemutet werden? Oder ist Gehorsam gegen die Kirche ein Merkmal der Heiligkeit?

Kommentare :

  1. Mir erscheint am wichtigsten, dass die ultra-konservativen Orden diejenigen sind, die Zulauf haben und wachsen. Die modernistischen dagegen sterben aus!

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  2. Stimmt.
    Was jedoch interessanterweise gerne ignoriert wird, während viele behaupten, das die konservativen Orden aussterben werden und die modernen-emanzipierten Gemeinschaften wachsen und gedeihen würden, wenn man sie nur ließe und nicht unter der römischen Knute halten würde.

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  3. Erst neulich hab ich, in Vorbereitung auf einen Post der wohl diesem nicht unähnlich sein wird, dazu ein paar Fragmemte aus Lumen gentium gezogen: http://invenimus.blogspot.de/2012/06/tidbits-zu-gehorsam.html

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  4. Deine Punkte 1., 2., 3. kann ich sofort annehmen, so meine ich - wie schön, dass du es für mich formuliert hast.
    In Verbindung mit der Heiligkeit - interessant. Waren die Menschen vor 200 Jahren im Lebenswandel heiliger? Ja, vermute ich auch. Aber sie haben auch nicht so eine Umwelt voller Versuchungen gehabt. Das war doch überschaubarer.

    Hm. Ungehorsame Ordensleute.
    Jetzt hab ich auch mal eine Antwort auf meine Frage: Dürfen die das?
    Hab ich mir schon oft gestellt, wenn ich bei den amerikanischen Benediktinerinnen so las.

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  5. Passend zum Thema Bischof Ludwig Schick, Bamberg:

    "Junge Menschen von heute, die Sinn und Ziel ihres Lebens suchten, fühlten sich von der Radikalität des Evangeliums angesprochen. Die strengen Orden und geistlichen Gemeinschaften, die mit den Verheißungen und Forderungen des Evangeliums ernst machten, hätten den meisten Nachwuchs in der Kirche. Schick: „Das muss uns zu denken geben. Da ist Christus am Werk!“"

    http://www.kath.net/detail.php?id=9925

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