Freitag, 4. Mai 2012

Das Konzil von Nizäa

Fortsetzung von hier

Das Konzil von Nizäa ist in vielerlei Weise zwar kein einzigartiges Ereignis innerhalb der Kirchengeschichte, sehr wohl aber ein erstrangiges. Damit entspricht es einem grundsätzlichen Entwicklungsprinzip des Christentums, das als einzigartiges Ereignis lediglich das Leben Jesu Christi kennt. Alles andere ist Ausdeutung, Wiederholung, Interpretation und Annäherung. So steht auch das Nizäum in einer langen Tradition, bildet aber zugleich einen neuen Gipfelpunkt. Es stellt sozusagen den ersten Durchbruch der Schallmauer dar, auf dem alle weiteren Konzilien dann aufbauten. Denn sowohl nach seiner Größe, seiner Funktion als auch seiner Organisation war es bis dahin einmalig.

Doch wollen wir nicht weiter im Abstrakten verweilen, sondern den Gang der Ereignisse begleiten.

Die Synode von Antiochia verurteile sowohl die Lehre als auch die bischöflichen Anhänger des Arius, räumte ihnen aber die Möglichkeit ein, sich auf einer neuen, größeren Synode zu rechtfertigen. Damit entsprach die Synode dem Willen des Kaisers nach Versöhnung und Einheit. Es war denn auch Konstantin, der die Erklärung des Antiochenums aufgriff und sich daran machte, eine neue Synode zu organisieren. Damit waren es erstmals nicht die Bischöfe, die sich um die Berufung und Organisation einer überregionalen Synode bemühten, sondern die weltliche Macht. Wurde dieser Bruch wahrgenommen, dann scheinen die Bischöfe nichts dagegen gehabt zu haben. Denn eine vom Kaiser ausgerichtete Synode bedeutete auch, dass hierfür die kaiserlichen Mittel zur Verfügung standen. So übernahm der Kaiser nicht nur den Transport der Bischöfe über die Reichspost und die Unterbringung im Palast, sondern er ehrte die Bischöfe auch auf vielerlei Weise. Gerade für diese Generation, die noch die Schrecken der diokletianischen Verfolgung erlebt hatte, muss es ein erhabendes Gefühl gewesen sein, nunmehr vom Kaiser hofiert und respektiert zu werden wie Senatoren. Aus dieser Warte wird auch verständlich, dass die Bischöfe auch bereit waren, dem Kaiser die Funktion des Quasi-Vorsitzenden zuzubilligen und damit dem kaiserlichen Anspruch, als Pontifex Maximus auch eine bestimmende Rolle im Christentum wahrzunehmen, genügten, obwohl Konstantin damals noch kein Christ war.

Entsprechend entsprach die Synode auch in ihrer Zielsetzung dem kaiserlichen Wunsch, endlich die verfahrene Situation zu lösen, die die Einheit in der Ostkirche zerstört hatte und die eine Kirche wiederherzustellen. Zu diesem Zweck wünschte der Kaiser ein Reichskonzil, an dem möglichst viele Bischöfe aus dem ganzen Reich teilnehmen sollten. Daher wurde die Synode auch nicht in Ankara abgehalten, wie ursprünglich geplant, sondern in Nizäa. Zum einen war die Stadt am Marmarameer für westliche Teilnehmer leichter zu erreichen, zum anderen war Nizäa kaiserliche Residenz, was sowohl die Logistik erleichterte als auch die kaiserliche Autorität stärkte. Allerdings blieb es im Wesentlichen eine Synode der Ostkirche - wie im übrigen alle frühen ökumenischen Konzilien. Nur wenige Bischöfe aus dem Westen reisten an, der Papst schickte lediglich zwei Gesandte. Der weitaus überwiegende Teil kam aus dem Osten und aus Ägypten. Zwischen 218 und 318 Namen werden in Konzilslisten angegeben, wobei die wahre Zahl wohl eher im 200er Bereich liegen dürfte. Nicht gezählt wurden indes die Begleiter der Bischöfe, unter denen der Wüstenvater Paphnutios und der Diakon Athanasius, der spätere Bischof von Alexandrien, herausstechen.

Nachdem Konstantin als Gastgeber und Bischof für die äußeren Angelegenheiten die Synode eröffnet und als Ziel die Wiederherstellung der Einheit vorgegeben hatte, übergab der Kaiser die Führung an den Tagungsleiter, vermutlich der bereits bekannte Ossius von Cordoba. Allerdings nahm er auch während der Sitzung Einfluss auf den Ablauf und ergriff, wenngleich selten, in der Versammlung das Wort.

Wenngleich das Konzil zahlreiche Probleme anzugehen hatte, so wollen wir uns doch auf den wichtigsten Punkt beschränken, nämlich die arianische Frage. Wie bereits in Antiochia war eine Personalfrage hierfür der Aufhänger. Die exkommunizierten Anhänger des Arius, namentlich die beiden Eusebii, sollten sich rechtfertigen und ihre Rechtgläubigkeit erweisen. Das bekannteste Zeugnis legte Eusebius von Caesarea ab, der als Kirchenhistoriker später zu überragender Bedeutung für die Geschichte des frühen Christentums kam. Um sich zu verteidigen benutzte Eusebius das Instrument des Symbolum, also des Glaubensbekenntnisses. Darin bekannte er sich zum einen ungeschaffenen Gott und zu seinem Sohn, Jesus Christus, der vom Vater gezeugt wurde. Die Thesen des Arius vermeidet er dabei sorgfältig, wie auch die Antithese Alexanders und des Antiochenums. Dadurch versuchte er die verschiedenen Glaubensformeln zu einigen, indem er die vorhandenen Konflikte ausblendete. Eine Taktik, die ja bereits Konstantin empfohlen hatte und von der er hoffen konnte, dass sie die Unterstützung des Kaisers finden würde. Die Gnade der anwesenden Väter aber fand er damit nicht. Zwar behauptete Eusebius später, der Kaiser habe sein Bekenntnis für rechtgläubig erklärt, doch dürfte es sich dabei eher um Propaganda in eigener Sache handeln als um einen Tatsachenbericht. Denn das Bekenntnis genügte in keinster Weise dem Anspruch des Mehrheit des östlichen Episkopats, den Arianismus zu verdammen. Denn auch Arius hätte sich in diesem Bekenntnis wiederfinden können, hätte er es entsprechend ausgelegt. Die Väter aber verlangten ein Bekenntnis ähnlich wie das Antiochenische, also mit einer klar antiariansischen Note. Man kann davon ausgehen, dass der theologisch eher ungebildete und indifferente Konstantin dem Wunsch des Episkopats zugestimmt hat. So entwickelten die Väter ein eigenes Symbolum, dass sie auf Basis bereits bestehender Bekenntnisse nach dem damals üblichen Schema zusammenstellten.

Zwei Punkte sind in diesem Symbolon auffällig: Erstens die oft sehr umständlichen Formulierungen mit vielen Dopplungen und Umschreibungen, zweitens das homousios.
Da heute das Glaubensbekenntnis kaum noch in seiner vollen Länge auf Deutsch gebetet wird, handelt es sich für viele Gläubige nur mehr um lateinische Formulierungen, die so oft ohnehin nicht mehr verstehen. Doch auch dem normalen Kirchenbesucher fallen sie auf:  deum de deo, lumen de lumine, deo vero de devo vero - Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott. Mit diesen Formulierungen suchten die Väter einer Subordination vom Sohn gegenüber der Vater vorzubeugen, da dadurch die Lehre des Arius hervorgebracht worden war. Damit war der traditionelle subordinatanische Konsens der Hochtheologie gebrochen und ein wichtiger Schritt in der Theologie- geschichte gemacht.
Zum eigentlichen antiarianischen Kampfbegriff wurde das homousios. Nach Euebius wurde es von Konstantin in den Ring geworden, nach anderen Berichten reagierten die Väter damit auf die ablehnende Haltung des Begriffes bei Eusebius von Nikomedien. Auf jeden Fall scheint die Einsetzung des homousios in das bereits weitgehend abgeschlossene Glaubensbekenntnis eine Augenblicksentscheidung gewesen zu sein. Denn das homouisos, das entweder wesenseins oder wesensgleich heißen kann, ließ sich nicht arianisch interpretieren. Was es aber genau bedeuten sollte, darüber war man sich auch nicht einig. Denn der Begriff wurde in der Theologie der Zeit kaum verwendet. Selbst nachdem er ins nizäische Symbolum aufgenommen wurde, fristete er eher ein Schattendasein. Für die östlichen Antiarianer war es eine stumpfe Waffe gegen den späteren Arianismus und die von ihm ausgehenden Häresien; die Originisten mochten es nicht weil sie ihn einst gezwungenermaßen hatten unterschreiben müssen; und für den Westen  umschrieb es ohnehin nur den tertullianischen una-substantia-Begriff. Erst in der neunizäischen Bewegung machte das homousios gerade aufgrund seiner flexibilität Karriere.

Doch kehren wir zum Ablauf der Ereignisse zurück. Um ganz sicherzugehen wurde dem eigentlichen Symbolum noch ein Anathema hinzugefügt, das die Anhänger der Sätze des Arius mit dem Bann belegte. So schrieb das Konzil z.B. fest: "Diejenigen aber, die sagen: Es gab eine Zeit, da er nicht wahr, ... diese verurteilt die katholische und apostolische Kirche."

Der gesammte Text wurde anschließend der Synode vorgelegt, die ihm mit überwältigender Mehrheit zustimmte. Lediglich 17 oder 22 Bischöfe erklärten, sie könnten dem nicht zustimmen. Konstantin, der sein Einheitswerk gefährdet sah, reagierte darauf äußerst ungnädig und verlangte von den Bischöfen zuzustimmen und drohte ihnen bei erneuter Weigerung die Verbannung an. Eine Maßnahme, die selbst der Antiarianer Eustathius als überzogen bewertete. Doch die kaiserliche Strategie hatte vorerst Erfolg. Von der kaiserlichen Gewalt bedrängt und unter ihren Mitbischöfen isoliert gaben fast alle Arianer nach. Lediglich zwei ägyptische Bischöfe verweigerten mit Arius die Zustimmung zum ganzen Dokument und mussten daher in die Verbannung. Eusebius von Nikomedien und Theogis von Nizäa wollten lediglich dem Anathema nicht zustimmen und erhielten Bedenkzeit, wurden dann aber ebenfalls exiliert, weil sie sich hartnäckig verweigerten. Eusebius von Caesarea indes kuschte vor dem kaiserlichen Druck und unterschrieb das Symbolum und das Anathema.

Für Konstantin und die Konzilsväter war das Konzil damit ein voller Erfolg. Der Arianismus war angewendet, die Christologie auf eine erste verbindliche Formel festgelegt, die Einheit des christlichen Ostens schien wiederhergestellt. Doch es sollte nicht lange dauern, bis sich wieder dunkle Wolken über der östlichen Christenheit zusammenbrauen sollten und das Christentum für weitere Jahrzehnte in Streit und Uneinigkeit stürtzen sollte.

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