Dienstag, 3. April 2012

Arius und Nizäa: Das christologische Problem

Nachdem ich meine schriftliche Klausur nun hinter mir habe komme ich kurzzeitig wieder etwas mehr zum bloggen. Und da ich mir im Zuge der Prüfung ein gewisses kirchengeschichtliches Spezialwissen anfuttern musste und ich es für Verschwendung halte, den Ausstoß desselben auf einen Professor zu beschränken, der das eh schon alles weiss, gibts in nächster Zeit ein paar kirchenhistorische Posts.

Heute beginne ich daher mit meinem Label: Nizäa. Der Streit um den Arianismus.
Und weil das doch alles etwas lang für einen Post ist, mal erst das Kapitel I:
Das christologische Problem

Seit seinem Beginn in der Person Jesu Christi hatte das Christentum ein zentrales theologisches Problem: Es nahm für sich in Anspruch, eine monotheistische Religion zu sein, kannte aber zwei göttliche Wesen: Gott-Vater und Gott-Sohn. Wir finden diesen Konflikt bereits in der Hl. Schrift vorgezeichnet. Denn die verschiedenen Prädikate, die Jesus sich selbst zuschreibt und die ihm zugeschrieben werden, z.B. das Messiasbekenntnis des Petrus, ermöglichen zwar die Annahme einer seinsmäßigen Göttlichkeit Jesu, explifizieren sie aber nicht, weil nach dem damaligen Sprachgebrauch diese Formeln auch als Ehrentitel oder Gottheit dem Begriff, nicht aber dem Sein nach verstanden werden können. So findet sich z.B. die Bezeichnung Sohn Gottes, griech. theou hyios, auch als Titel der römischen Kaisertitulatur. Wie weit hier aber eine seinsmäßige Göttlichkeit des Kaisers aus Gott, theos ek theou, oder lediglich eine besondere göttliche Begnadung oder ein besonderer Verhältnis zu (einem) Gott ausgedrückt werden soll, bleibt an vielen Stellen offen und differiert stark. Auch das Judentum kennt ja die Bezeichnung Sohn Gottes entweder als Bezeichnung für Israel selbst oder den jüdischen König. Einen ersten Hinweis, dass Jesus von den Aposteln als Gott geglaubt wurde, liefert jedoch die Apostelgeschichte 1,24: Die Apostel wählen einen Nachfolger für Judas und beten zum Herrn, er möge den neuen Apostel auswählen. Die Exegese geht allgemein davon aus, dass mit Herr, griech. kyrios, Jesus zu verstehen ist. Beten kann man aber logischerweise nur zu Gott selber und so scheint Jesus von seinen Aposteln als Gott geglaubt worden zu sein. In der apostolischen Zeit scheint dieser Umstand noch nicht als Problem wahrgenommen worden zu sein, zumindest finden wir hierzu weder in der Bibel noch in anderen Quellen aus dem ersten Jahrhundert nach Christus entsprechende Zeugnisse.

Diese Situation änderte sich jedoch spätetens im 2. Jahrhundert. Denn das Christentum, das sich in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunders vom Judentum trennte, konnte den Vorwurf der ehemaligen Brüder nicht ewig ignorieren, sie hätten dem einen Gott JHWH einen zweiten Gott, Jesus, nebenan gesetzt und seien damit Ditheisten - zwei Götter Verehrer. Doch um des eigenen Selbstverständnisses Willen war es den Christen nicht möglich, zwei Götter im eigentlichen Sinne zu verehren. Denn einer solchen Lehre war zum einen im Kanon des Alten Testamentes klar widersprochen, zum anderen gab es die Lehre Jesu nicht her. Das frühe Christentum musste also die Frage beantworten, wie der eine Gott gedacht werden konnte, ohne den Sohn zum reinen Menschen zu machen.

Hierfür wurden im wesentlichen zwei Modelle entwickelt: Der Monarchianismus und die subordinatorische Logostheologie.

Der Monarchianismus legte seinen Schwerpunkt auf dem Erweis, dass es sich beim Christentum um eine monotheistische Religion handelt. Entsprechend betonten sie die monas, die Einheit Gottes. Die bekannteste Form dieser Theologie ist der modalistische Monarchianismus oder Sabellianismus. Sabellius, ihr prominentster Vertreter, ging davon aus, dass es nur den einen Gott geben würde, der sich für verschiedene Handlungen verschiedener Seinsweisen, lat. modi, bedienen würde. So habe er als Vater die Welt erschaffen und sie als Sohn erlöst. Auf diese Weise konnte der Monotheismus gewahrt werden, wenngleich der Sohn sozusagen im Vater verschwindet. Zugleich machte es sich Sabellius zu einfach, denn eine solche Theorie bereitete Probleme mit der Erlösungstat Christi. Während nach heutiger Lehre der Gott-Sohn Jesus am Kreuz gelitten hat und gestorben ist, litt und starb der ganze Gott gemäß der Lehre des Sabellius. Die Gegner der Monarchianer sprachen von ihnen daher auch von den patripassianern, als denen, die das Leiden des Vaters am Kreuze lehrten.

Demgegenüber unterschieden die Logostheologen beide, Gott-Vater und Gott-Sohn dem Sein und der Zahl nach. Erste Ansätze für die Logostheologie liefern bereits frühe christliche Schriften aus dem 2. Jahrhundert wie der Hirte des Hermas. Er beschrieb Jesus als pneuma, als Geist Gottes, der Gott zugeordnet ist, aber nicht das Wesen Gottes beschreibt. Weiter geht der 2. Clemensbrief, der den Sohn ebenfalls als pneuma aussagt, ihn aber als vom gleichen Stoff wie Gott bezeichnet. Doch sprechen beide Modelle noch nicht von einer gleichrangigkeit des Sohnes zum Vater. Eine solche Unterordnung, Subordination, wird explifiziert durch Irenäus von Lyon. Er umschreibt das Verhältnis der drei Personen wie eine Befehlkette. Der Vater entscheidet, der Sohn führt aus, der Hl. Geist nährt und fördert.
Grundlage der Logostheologie bildet spätestens im 3. Jahrhundert die griechische Philosophie und darin besonders der Mittelplatonismus. Dieser kannte zwei große Seinsprinzipien: Den nous und den logos. Der platonische nous ist das höchste Prinzip und absolut transzendent. So transzendent, dass er mit der Welt an sich nichts zu tun hat. Um zu Wirken wird das Prinzip des nous durch den logos vermittelt. Hierbei handelt es sich um das die Welt durchwaltende kosmische Prinzip. Nur den logos können die Menschen begreifen und nur nach ihm sich ausrichten und mit ihm in Einklang kommen. Es bot sich für die christlichen Theologen an, dieses System auf das Verhältnis von Gott-Vater und Gott-Sohn zu übertragen. Darin nimmt der Vater die Rolle des nous ein, der durch den Sohn, den logos, die Welt erschaffen hat und sie lenkt.
Diese philosophischen Grundlagen finden sich auch bei den beiden größten Trinitätstheologen, die erstmals ein ausgefeiltes System vorlegten: Dem Kirchenvater Tertullian und Origines von Alexandria.
Tertullian sah die göttliche monarchia garantiert durch die innere Einheit von Vater, Sohn und Geist der Substanz nach. Allerdings weisen alle drei eine eigenen Subsistenz aus. Hieraus entwickelte sich das Schlagwort von der una substantia - tres personae, der einen Substanz in drei Personen. Allerdings subordiniert auch Tertullian den Sohn, indem er nur dem Vater die Substanz in Fülle zuschreibt, während der Sohn lediglich Anteil daran hat.
Einen ähnlichen Weg geht auch der griechisch schreibende Origines. Nach seiner Theologie zeugte der transzendente Vater von Ewigkeit her den Sohn. Beide bilden zusammen mit dem Geist, der noch nicht näher definiert wird, eine Gruppe von prinzipiell subordinierten, der Sache nach jedoch konsubstanzialen Hypostasen, also Seinsweisen. Vater und Sohn sind damit nach der Substanz geeint. Allerdings hält Origines diese Unterscheidung von Substanz und Hypostase nicht immer durch und spricht teilweise von verschiedenen Substanzen, ousiai. Eine Flexibiltät, zu seiner Zeit noch unbedenklich, die jedoch später folgenschwere Auswirkungen haben sollte.

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