Mittwoch, 14. März 2012

Mit brennender Sorge - Eine Enzyklika als Wunschkonzert

"Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Landes und des Volkes, dem St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Christus und dem Reiche Gottes gebracht hat."
So leitete Papst Pius XI. seine Enzyklika ein, in der er die Verbrechen des Nationalsozialismus geißelte und der Ideologie Hitlers die Maske herunterriss. Es war das erste mal, dass eine internationale Organisation von Bedeutung, ein Staatsoberhaupt oder ein bedeutender Vetreter einer der großen Weltreligionen die Stimme erhob, um Hitler zumindest im Wort, zumindest in der Idee Einhalt zu gebieten. Zu einem Zeitpunkt, wo die Vertreter der evangelischen Kirchen - die meisten - diskret in den Himmel guckten und die Staats- und Regierungschefs der Welt Hitler noch für einen seriösen Verhandlungspartner hielten, da erhob sich einsam die Stimme Petri, um der Welt ins Gesicht zu sagen, was sie selber hätte wissen können: Das der Nationalsozialismus ein Monstrum und chronischer Rechtsbrecher ist.

Ihre größte Würdigung hat die Enzyklika bezeichenderweise von ihren Gegnern erfahren. Das NS-Regime reagierte regelrecht panisch, um ihre Verbreitung zu verhindern. Der Sicherheitsapparat wurde angeworfen, um katholische Druckereien zu durchsuchen und zu beschlagnahmen, Pfarrern, die die Enzyklika vorlasen wurde der Text von eifrigen Parteisoldaten aus der Hand gerissen und die Repressalien, die die Kirche über sich ergehen lassen musste, wurden erneut verschärft. Der Wutanfall, den der Choleriker Hitler bei Kenntnisnahme der Enzyklika bekommen haben soll, scheint gewaltig gewesen zu sein. Das man von Seiten des Regimes auf päpstliche Enzykliken auch im weiteren nicht gut zu sprechen war, lässt sich daran ersehen, dass viele Deutsche von weiteren päpstlichen Verlautbarungen per Flugblatt Kenntnis erhielten - abgeworfen von Alliierten Flugzeugen.

Heute jedoch blickt man mit Wehmut auf diese Enzyklika zurück. Nicht etwa ob der Schwierigkeiten, die sie für die Kirche und die Katholiken bedeutet hat. Nein. Diese sind den heroischen Nachgeborenen nichts mehr wert. Sondern weil sie der Meinung sind, die Enzyklika hätte noch mehr enthalten sollen. Man war zwar die einzige Macht, die sich gegen Hilter überhaupt mal irgendwie gewandt hat. Aber trotzdem hätte die Kirche doch bitte auch noch weitere Punkte erwähnen sollen. Deren bedeutendster waren natürlich die Juden. Schwam drüber, dass die westlichen Staaten zu der Zeit ihre Grenzen dicht gemacht haben, sodass die jüdischen Auswanderer kaum mehr rauskamen aus der Falle NS-Reich. Aber das Pius XI. die Juden nicht erwähnt hat macht ihn natürlich zu einem latenten Antisemiten und einem egozentrischen Kirchenherrscher. Hat der sich doch nur um die Katholiken gekümmert. Sauerei. Gut, vieles von dem, was gesagt wurde, lässt sich auch auf Juden anwenden und die Sittenlehre, die Pius XI. hier einschärft verurteilt auch das Verhalten des Regimes gegen die Juden mit. Aber das er es nicht expliziet gesagt hat macht die Enzykika unwirksam und böse. Wenigstens defizitär.

Natürlich bestreitet keiner, dass wir es im nachhinein gut finden würden, hätte Pius XI. aus noch so etwas geschrieben wie:
Auch verurteilen wir alle Aktivitäten die sich gegen die Anhänger des Alten Bundes richten, sei es in diskreminierender oder physischer Form als dem Naturrecht, der Sittlichkeit und den Regeln der Heiligen Kirche widersprechend und fordern euch, liebe Brüder, auf, gegen solches vorzugehen und jenen zu helfen, die der Hilfe bedürfen, über die Schranken der Rasse und der Religion hinweg.
Würde ich auch toll finden. Aber sich im Nachhinein hinzustellen und darüber zu lamentieren, was alles nicht gemacht wurde, ist historischer Unsinn und moralisch billig. Es erinnert mich an eine Szene aus meiner Schulzeit, als ein Mitschüler erklärte, wie Stauffenberg bei der Ermordung Hitlers hätte vorgehen und der Meinung war, der Graf hätte gefälligst den Selbstmörder geben sollen. All das mit der Pose des "Ich hätte es so gemacht."

Ich weigere mich daher, mir als Katholik ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, weil mein ehemaliges Oberhaupt "nur" den Nationalsozialismus aus der Perspektive der Kirche verurteilt hat. Vielmehr bin ich stolz darauf, dass überhaupt mal jemand den Mund aufgemacht hat und ich verneige mich vor allen Priestern, Ordensmitgliedern und Laien, die an der Verbreitung der Enzyklika beteilit waren. Solchen Mut brauchen wir auch heute und nicht das Nachtreten von irgendwelchen Hätte-schon-Helden.

Kommentare :

  1. Eine wunderbare Enzyklika, die auch für die heutige Zeit höchst angemessen wäre!
    Vielleicht sollte man an eine Neuauflage denken ;-)

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  2. Die "brennende Sorge" hat aus mir letztlich einen gläubigen Menschen gemacht. Man hatte mich damals verdonnert, zur Enzyklika an einer Ausstellung mit zu arbeiten. Dort war ich letztlich gezwungen, in den originalen Dokumenten zu stöbern und der Wahrheit der Dinge ins Auge zu sehen!
    Danke für das Posting!

    PS: Habe mit nicht gelindem Erschrecken gesehen, dass ich DM bis jetzt nicht in meinem neuen Blogroll hatte. Hab das prompt geändert! Sorry

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