Mittwoch, 28. März 2012

Lerne erst zu denken, dann lerne zu beten

"Lerne erst zu denken, dann lerne zu beten" erzählte mir neulich eine Kommilitonin, die Philosophie studiert hatte. Der Spruch ist allerdings nicht von ihr, sondern von einem alten Jesuiten.

Bei allem Respekt vor meiner Kommilitonin, die ich sehr schätze, und dem alten Jesuiten, der weit mehr Erfahrung hat als ich Jungspund von 24 Jahren, halte ich das für Unsinn. Ich würde es eher umdrehen: Lerne erst zu beten, dann lerne zu denken; zumindest, wenn man unter Denken Philosophie studieren verstehen will. Denn die Philosophen nehmen ja für sich in Anspruch, die Wissenschaft zu sein, die den Geist des Menschen schult und ihn zum selbsständigen Denken anregt. Zwar kann man da geteilter Meinung sein, wenn man sich manche Philosophen ansieht, aber grundsätzlich möchte ich das der Philosophie nicht in Abrede stellen. Ich schätze auch Philosophen hoch, wenn sie denn in der Lage sind, mir verständlich zu erklären, was sie so denken und nicht nur Fremdwörter dreschen. Und ich bin auch der Meinung, dass man eine philosophische Bildung haben sollte, wenn man Theologie studiert. Beide hängen ja eng miteinander zusammen, beide sind heute auch nicht mehr ohne die andere vorstellbar und wer ein wirklich guter Theologe sein will, muss auch ein guter Philosoph sein. Weshalb ich auch kein wirklich guter Theologe bin, weil ich zu wenig Philosophie belegt habe.

Der Vorstellung aber, dass meine Qualität als Christ davon abhängt, ob ich Philosophie studiert habe, lehne ich dann doch ab. Die Begründung der Kommilitonin, dass es für das eigene Christentum gut sei, wenn man Philosophie studiert habe, war, dass man dann freier in seinem Denken sei und nicht so sehr an Dogmen hängen würde. Man könne sich dann besser seine eigene Meinung bilden und sei undogmatischer, mithin offener und toleranter. Wie gesagt, ich kann sie gut leiden, aber ich halte ihre eigenen Toleranzschwelle für geringer als meine.

Überhaupt sind die meisten Leute, die nach Tolleranz rufen und sich für mortz tolerant halten genau das nicht, sondern nur in die Richtung offen, die ihnen in den Kram passt. Ich persönlich kenne keinen aufgeschlossenen Jesuiten, der sich jemals mit einem Piusbruder unterhalten hätte. Aber Altkatholiken sind natürlich toll. Aber ich komme vom Thema ab.

Ach ja, der Philosoph als guter Christ. Also ich kenne ja so viele Philosophen nicht und ich gelte ja auch als latent intolerant; und bin es wahrscheinlich auch. Aber wo das so tolle Christen sein sollen, bin ich mir nicht sicher. Ohne Zweifel gibt es großartige Christen unter den großartigen Philosophen. Der in der Blogozene hochgeschätzte Thomas von Aquin ist das beste Beispiel dafür. Aber ich frage mich doch, was Menschen wie Antonius der Große oder der Hl. Pfarrer von Ars gesagt hätten, wenn man ihnen mitgeteilt hätte, es wäre besser gewesen, wenn sie erstmal Philosophie gründlich studiert hätten, bevor sie mit dem Beten angefangen hätten. Sie wären natürlich sofort darauf eingegangen und der Hl. Antonius hätte seine Klause verlassen, um sich in Alexandria Vorlesungen über Platon anzuhören und wäre anschließend ein viel besserer Christ und viel großartigerer Heiliger gewesen. Oder ich denke an jenen Pförtner in einem namenlosen Kloster, der sein halbes Leben vor dem Allerheiligsten verbrachte. Auch er wäre sicher ein viel besserer Christ gewesen, wenn er zuerst Nietzsche gelesen hätte, anstatt sich gleich ins Gebet zu versinken und seinem tumben Abt zu glauben, während der ihm Dogmen einflößt.

Man merkt, ich halte wenig von einer solchen Einstellung. Vor allem aber aus einem Grund: Eine solche Religion, die Qualität nach philosophischen Fähigkeiten bemisst, ist eine Elitereligion. Eine Religion, für die Gebildeten, die Akademiker, kurz für die besser gestellten. Die Armen, ob geistig oder materiell, bleiben zurück und können nur die Brotkrumen der "guten" Christen aufsammeln und hoffen, dass Gott ihnen ihren fehlenden Magister in Philosophie nachsehen wird. Und Christus hat ja auch am Museion von Alexandria gewirkt und nicht etwa in Galilea und sein Apostel waren ja auch alle große Philosophen und mit dem Schwerpunkt Plato und nicht etwa Fischer. So jemand kann doch nicht denken, der kann doch nur beten. Da kann doch nichts bei rauskommen. Wenn solche Leute an der Stiftung einer Religion mitwirken, überlebt die doch keine 100 Jahre. Gott sei Dank hat Christus gelehrt: Selig sind die Reichen im Geiste, denn ihnen gehört das Himmelreich.

1 Kommentar :

  1. Ich stimme Dir vollkommen zu. Ich habe hier sogar noch weniger Toleranz als Du; was soll so eine Aussage? Will man dem Bauarbeiter, der Hausfrau, dem Bauern oder einer Hebamme (harhar, traditionelle Geschlechterrollen. Gender-Alert!) das beten untersagen?

    Was ist Mt 11,25? Gott hat "all das" den Weisen und Klugen verborgen! Ja, Gott hat ein Herz für den Kleinen.

    Damit will ich keineswegs sagen, daß ich etwas gegen Theologie oder Philosophie habe (oder andere Schulen des Denkens wie die Naturwissenschaft)! Oh ja, ich würde mir wünschen, daß man in der Schule zumindest Grundzüge wissenschaftlicher Theorie (vor allem Popper und Lakatos) lernt, da eine Beschäftigung mit Fragen wie "Was ist eine valide Aussage in der Wissenschaft" auch bspw für Propagandaaussagen ein sinnvolles kritisches Fragemuster bietet. Ja, ich denke, es wäre sinnvoll und wünschenswert, wenn Menschen im Allgemeinen mehr über Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft lernen würden. Das hat jedoch nichts mit beten zu tun!

    Das ist doch derselbe pseudoliberale Schwachsinn wie das ständige Gerede darüber, wann denn der korrekte Zeitpunkt zum Kinderkriegen sei (Nach dem Studium, wenn Mann und Frau eifrige Lohnsklaven sind oder so, und dann bitte auch nur zwei Kinder maximal). Solche Aussagen, die ja ach so aufgeklärt klingen, sind letztlich doch nur Aussagen von Leuten aus der gehobenen Mittelschicht wider die Unterschicht. Etwas, was man gerne bei angeblich linksalternativen Studenten sieht, die interessanterweise immer "für die Arbeiter" kämpfen, mit wirklichen Proleten (eben WIRKLICHEN ARBEITERN) aber herzlich wenig anfangen können.

    Argh, sorry, das mußte ich mir grad alles von der Leber reden. Dem "ungebildeten", der sich fragt, wie man betet, sei mit dem Hl. Josemaria gesagt "Du weißt nicht, wie man beten soll? - Besinne dich auf die Gegenwart Gottes, und kaum daß du sagst: "Herr, ich kann nicht beten", kannst du gewiß sein, daß du schon mitten im Gebet bist." Mir, einem, dem das Beten schwer fällt, hilft dieser Satz ungemein.

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