Dienstag, 20. März 2012

Der Mann und der Dieb

Heute will ich mal eine Geschichte erzählen:
Ein wohlhabender Mann ging eines Abends die Straße entlang. Ein anderer kam ihm entgegen. Er war ärmer und als der den Reichen sah, ergriff er sogleich seine Gelegenheit. Auf gleicher Höhe schleuderte er den Reichen an die Wand, nahm ihm dabei seine Börse ab und entschwand anschließend in der Dunkelheit.
Doch der Dieb hatte kein Glück. Er lief in eine Polizeistreife hinein und wurde, da die Beamten das Rufen des Opfers hörten, festgehalten. Der Reiche kam sogleich herangeeilt, denn er hatte keine körperlichen Schäden davon getragen.
Anklagend fragte er den Räuber, warum er ihn beraubt habe und ob er nicht wisse, dass das unrecht sei?
Darauf antwortete der Dieb ihm, er wisse gar nicht, worüber sich der Reiche denn so aufrege. Habe er ihn denn verletzt? Nein. Sei der andere reicher als er? Ja. Er könne daher nichts dabei finden, ihn ausgeraubt zu haben. Denn nach seinen Grundsätzen habe er sich vollkommen rechtens verhalten, habe er doch dem Reichen nicht wirklich geschadet und sich sogar bemüht, ihm keinen Schaden durch Verletzungen zuzufügen. Daher sei es ungerecht und anmaßend, ihm nun etwas vorzuwerfen und er sehe ihn als gewalttätigen Tyrannen an, da erder Ärmere, unter seinen Gesetzen zu leiden habe.

Hat nun der ärmere Mann korrekt gehandelt, weil er nur einen Reichen bestohlen und ihm nicht körperlich geschadet hat, obwohl er wusste, das er es nach den allgemeinen Gesetzen nicht durfte? Ist es also angemessen, wenn der Dieb nach seinen eigenen Gesetzen beurteilt wird und ist es dem Reichen vorzuwerfen, dass er ihn nach anderen Gesetzen anklagt?

Ich will noch eine zweite Geschichte erzählen:
Ich saß einmal mit einer Evangelikalen und einem Atheisten zusammen am Tisch. Die beiden kannten sich noch nicht und so versuchte sie ihn vom Glauben energisch zu überzeugen. Was er zur Kenntnis nahm, aber ablehnte. Er begründete das folgendermaßen: Er versuche, hier auf Erden ein anständiges Leben zu führen und nach Maßgabe seiner Mittel ein guter Mensch zu sein. Wenn es einen Gott geben würde, dann könne er erwarten, dass dieses Verhalten von ihm honoriert werde. Würde dieser Gott aber weigern, sein Bemühen anzunehmen und ihn zur Hölle schicken, dann sei ein solcher Gott ein bösartiger Tyrann und er weigere sich, vor einem solchen zu kriechen.

Wie unterscheidet sich nun unser Atheist von unserem Dieb?
Beide erklären sie doch, sich nach Maßgabe ihrer eigenen Möglichkeiten und Vorstellungen gut und richtig zu verhalten oder es wenigstens zu versuchen. Beide kennen sie das allgemeine Gesetz, nach dem sie sich ausrichten sollen, wollen es aber nicht annehmen. Beide erwarten sie, dass man ihre Bemühungen um rechtes Verhalten akzeptiert, honoriert und sie nach ihren Vorstellungen richtet. Und beide erklären sie jene zu Tyrannen und Gewaltherrschern, die sich erlauben, sie nach den bekannten Gesetzen zu beurteilen.

Nun kann man zwar argumentieren, der Dieb würde etwas stehlen, der Atheist aber nicht. Doch auch der Atheist stiehlt im übertragenen Sinne, nicht indem er Gott etwas nimmt, sondern indem er ihm etwas vorenthält, was ihm rechtens zusteht: Die schuldige Verehrung.

Ist nun der Atheist mehr im Recht, weil er "nur" Gott etwas vorenthält und sich "nur" gegenüber Gott auflehnt, als der Dieb, der "schließlich" einen Menschen beraubt und sich "schließlich" diesem Menschen gegenüber unrechtmäßig verhält?

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