Montag, 6. Februar 2012

Warum ich das Christentum neu erfinden muss

Heute zu Gast Frau Prof. Dr. Dr. Wilhelmine Küsselbecker, Professorin für praktische Theologie.

Frau Prof. Dr. Dr. Küsselbecker, erneut haben sie ein außerordentlich spannendens und lesenswertes Buch vorgelegt "Glaubenskollaps. Warum ich das Christentum neu erfinden muss". Können sie uns ihre Motivation zum Schreiben des Buches erläutern?

Selbstredend kann ich das. Sehen sie, die Kirche befindet sich dich unbestreitbar in einer fundamentalen Krise. Der Verlust des pseudo-jesuanischen Glaubens ist nicht mehr durch eine Kirchenreform beizukommen, wie einige rückständige Reformer wie dieser Herr Schüller das meinen. Lediglich wenn wir ehrlich wieder zu Jesus zurückkehren, die verkalkten und falschen Traditionen über Bord werfen können wir eine Lösung des Problems erreichen. Den römischen Bischof Joseph Benedikt Ratzinger, nebenbei das Reformresistenteste was man sich vorstellen kann, möchte ich an folgende Worte erinnern: "Selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird."

Können sie uns einige Beispiele nennen, die geändert werden müssen?

Ach, da gibt es so viel für mich zu tun. Fangen wir mal beim Beten an. Das muss man sich mal vorstellen. Da werden moderne, tatkräftige Menschen dazu gezwungen, sich hinzuknien und mit sich selbst zu sprechen. Und dann macht man ihnen noch weiss. dass sich dadurch irgendetwas verändern würde. Das ist doch absurd. Ein anderes Beispiel sind die zahlreichen Dogmen der Kirche. Die braucht doch heute wirklich keiner mehr. Nehmen sie z.B. das Apostolischen Glaubensbekenntnis. Das hat nichts mehr mit uns heute zu tun. Das sagt nichts mehr aus als das, was im 4. Jh. mal geglaubt wurde. Was im übrigen auch nichts mit dem historischen Jesus zu tun hat, wie ich ihn herausgearbeitet habe. Nehmen sie z.B. das Reich-Gottes-Programm Jesu. Findet in dieser Anhäufung griechischer Philosophenfloskeln gar nicht statt. Schund also. Braucht kein Mensch mehr. 
Aber ich will jetzt nicht auf der Kirche rumhauen. Es ist nun nicht so, das die das Prinzip von Ignoranz, Rechthaberei und Unwissenheit erfunden hätte. Das hat ihr Gründer, Paulus von Tarsos, der sogenannte Völkerapostel getan. Lesen sie den mal. Da finden sie nichts von der Reich-Gottes-Botschaft Jesu. Er hatte offensichtlich entweder keine Ahnung von Jesus oder es war ihm egal. Das kann man z.B. am Abendmahl sehen. Bei Jesu ist das ein gemeinschaftsstiftendes, gleichmachender innerweltlicher Sozialakt. Jeder war hier gleich: Apostel_innen, Jünger_innen, Zöllner_innen. Alle waren sie gleichwürdig, gleichwertig, gleich wohlhabend. Alles wurde geteilt, keiner gehörte irgendwas, allen alles. Kommunistisch eben. Das ist Jesu. Und Paulus hat daraus eine kultische Opferhandlung gemacht. Und damit die Kirche und ihr paulinisches Kultpriestertum begründet.
Und was sind die Folgen davon: Unfreiheit, Lehrverurteilungen, Inquisition, Schnüffelei, Denunziation, Schreib- und Redeverbote, Misstrauen und Kontrolle. Nichts mit Salz der Erde. Es gibt nichts irdischeres als die paulinische Kirche.

Aber es gab und gibt doch auch Menschen, die sich innerhalb der Kirche für die Armen und Schwachen einsetzen und Nächstenliebe üben?

Ausnahmen! Alles Ausnahmen, die meine Regel bestätigen. Sehen sie sich doch diese Leute mal an. Waldenser und Katharer, Franz von Assisi,  Mutter Teresa und Leonardo Boff. Alles Menschen, die von der Kirche unterdrückt wurden, behindert wurden, verfolgt und teilweise vernichtet wurden.

Frau Prof. Dr. Dr. Küsselbecker, was ist nun die Kernbotschaft Jesu?

Das sagte ich doch schon: Die Reich-Gottes-Botschaft. Aber gut, ich will es noch einmal etwas konkretisieren. Denken sie an Nietzsche. "Dieser ›frohe Botschafter‹ starb wie er lebte, wie er lehrte - nicht um die Menschen zu erlösen, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat." Vergebung, Feindesliebe, Mitmenschlichkeit. All das hat Jesus gepredigt. Durch ein Sühneopfer lässt sich all das weder hervorbringen noch ersetzen. Von daher ist die Kreuzigung auch nicht als Teil der Erlösungstat Jesu zu verstehen, sondern als einen bedauerlichen, aber von Jesus angenommen Solidaritätsakt. Transzentale Folgen aber hat das nicht. 
Betrachten wir die Botschaft Jesu, dann ist sie an alle Menschen gerichtet, nicht an Juden oder Griechen. Damit entspricht er den meisten anderen Religionsgründern auch, die im Grunde alle das gleich gefordert haben. Die Unterscheidungen, die heute trennend wirken, haben nichts mit dem Kern zu tun, sondern sind nachträgliche Hinzufügungen. Von dieser Schlammkruste will ich die Jesus-Botschaft lösen.

Interessant und wahr. Können sie vielleicht noch kurz auf ein spezifisch modernes Problem eingehen?

Ich will ihnen den Gefallen tun. Durch die Evolutionslehre hat sich unser Bild von der Welt, vom Menschen und von Gott radikal verändert. Heute müssen wir auf die Chiffre Schöpfer-Gott verzichten, denn die christliche Anthropozentrik setzt die Unkenntnisse des Mittelalters voraus. Heute ist es nicht mehr möglich, den Menschen für die Krone der Schöpfung zu halten, da wir davon ausgehen können, dass es in einem gewaltigen Universum noch weiteres intelligentes Leben gibt und das es schon vor dem Homo Sapiens Menschen gab, die ebenfalls von Gott begnadet waren wie wir. Wenn wir diese alten Vorstellung über Bord werfen, dann lösen sich alle Probleme des Theismus auf. Dann wird Gott wieder zu dem, was es auch für Jesus war: "Das Wort Gott steht vielmehr für eine bestimmte Art, die Welt zu verstehen", in einer symbolischen Sprache des Mythos. Somit ist alles Reden von Gott lediglich Reden über das menschliche Leben.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch unser Bild vom Gottmenschen Jesu revidieren. Wir müssen von der Vorstellung Abstand nehmen, wir müssen die Vorstellung verwerfen, dass Jesus vom Himmel gekommen sei und wieder in den Himmel aufgefahren sei, um zur Rechten des Vaters zu sitzen. Wie die Jungfrauengeburt sind diese und auch andere Aussagen der Bibel symbolisch zu verstehen. Tatsachen sind das nicht. Jesus kann nicht Gott sein, da er doch ganz und gar Mensch ist.

Können sie vielleicht ihre Kernaussage für unsere Leser noch einmal eindampfen?

Um ihrer offenbar recht einfältigen Leser willen werde ich mir die Mühe machen, mich soweit herabzulassen. Das Christentum steht heute vor der Herausforderung, mit dem Wort Gottes angemessen, klug und vorsichtig umzugehen. Wir dürfen die Fehler der letzten 2000 Jahre nicht wiederholen, sondern müssen den jesuanischen Glauben wieder hervorholen. In Jesus zu sein bedeutet, vom göttlichen Funken wie er erfüllt zu sein, wie er getragen zu werden und uns am Menschen zu orientieren. Wenn ich diesem Glauben zum Durchbruch verhelfe wird der Jesus-Anhänger wirklich, endlich zum Licht der Welt.

Frau Prof. Dr. Dr. Küsselbecker, vielen Dank für das Gespräch.

Was in diesem Buch geschrieben ist, wird man bei der die Inquisition in Rom nicht gerne lesen. Wilhelmine Küsselbecker: ein mutiger Theologin, die eben katholisch und allumfassend denkt, nicht römisch! Die Tür zu anderen Denkweisen ist weit geöffnet, Umdenken geht an die Wurzel. Der Glaube wird heutig.
Jesus wird wieder geerdet. Der Himmel ist nicht da oben, der Friede ist für die hier unten. Die Horizontale wird zur Vertikale
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Der Beitrag ist inspiriert durch diesen Artikel. Sowas hätte ich mir nicht selber ausdenken können. Sollte ich irgendeine Häresie vergessen haben, bitte ich, mich darüber zu informieren. Sie wird dann nachgereicht. Der verantw. Redakteur

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