Dienstag, 28. Februar 2012

Wahre und falsche Demut

Christus mahnt uns, das Fasten nicht nach außen zu tragen, sondern still und heimlich zu fasten. Zugleich sind wir aber auch aufgerufen, Beispiele für unsere Mitmenschen zu sein und so sollten diese unseren Glauben natürlich sehen. Wie mit dem Fasten verhält es sich auch mit der Demut. Denn zum einen drängt es den Demütigen nicht, seine Tugend zu zeigen, zugleich aber ist er auch ein Befürworter dieses Modells, das an seinem Leben ablesbar sein muss. Deshalb noch einmal Johannes Cassian über wahre und falsche Demut
"Da ich nun also sehe, daß ihr die Grundsätze unseres Berufes von der besten Art der Mönche angenommen habt, nemlich, von der lobenswerthen Ringschule der Klöster aus zu den hohen Gipfeln der anachoretischen Lebensregel zu streben, so übet die Tugend der Demuth und Geduld, die ihr, wie ich nicht zweifle, dort gelernt habt, mit wahrer Neigung des Herzens, und erheuchelt sie nicht, wie so Manche, mit falscher Demüthigung in Worten, oder mit angenommener und überflüssiger Beugung des Körpers in gewissen Leitungen. Diese verstellte Demuth hat der Abt Serapion einmal herrlich verspottet. Als nemlich Einer zu ihm kam, der die größte Erniedrigung seiner selbst in Haltung und Rede zur Schau trug, und der Greis ihn nun der Sitte gemäß mahnte, das Gebet zu sprechen, gab dieser der Aufforderung keineswegs nach, sondern behauptete voll Unterwürfigkeit, er sei in so große Laster verstrickt, daß er nicht einmal verdiene, die gemeinsame Luft mitzubenutzen. Auch vermied er das Sitzen auf der Matte, und setzte sich lieber auf den Boden. Nachdem er noch weniger seine Einwilligung zur Abwaschung der Füße gegeben hatte, begann Abt Serapion nach vollendetem Abendessen, wo ihm die gewöhnliche Unterredungsstunde Gelegenheit gab, ihn gütig und sanft zu ermahnen, er fülle doch besonders bei seiner Jugend und Kraft nicht müssig und unstät mit wechselvollem Leichtsinne überall umherlaufen, sondern er solle in einer Zelle bleiben und lieber nach der Regel der Altväter sich durch seine Arbeit ernähren als durch die Freigebigkeit Anderer. „Der Apostel Paulus wollte, damit er nicht in so Etwas falle, obwohl ihm für seine Mühe in der Predigt des Evangeliums eine Darreichung mit Recht gebührte, lieber Tag und Nacht arbeiten, um sowohl sich als Denen, die in seinem Dienste waren und ein Geschäft nicht ausüben konnten, den täglichen Lebensunterhalt mit seinen Händen zu verschaffen.“ Darauf wurde dieser mit solchem Widerwillen und Mißmuth erfüllt, daß er die im Herzen empfundene Bitterkeit nicht einmal in der Miene verbergen konnte. Da sprach der Greis zu ihm: „Bisher, o Sohn, beludest du dich mit aller Schwere der Unthaten, ohne Furcht, du möchtest etwa durch das Bekenntniß so furchtbarer Verbrechen deinem Rufe einen Schandfleck anhängen; wie kommt es denn nun, ich bitte dich, daß ich dich auf meine einfache kleine Mahnung, die doch nicht nur keine Schande in sich schloß, sondern die Meinung, zu erbauen und Liebe zu beweisen, — von solchem Unwillen bewegt sehe, daß du ihn nicht einmal in der Miene verbergen oder durch eine heitere Stirne uns täuschen kannst? Glaubtest du vielleicht bei deiner Selbstdemüthigung aus unserm Munde jenen Spruch zu hören: „Der Gerechte klagt sich am Anfange seiner Rede selbst an?“ Man muß also die ächte Demuth des Herzens bewahren, welche nicht in der erheuchelten Erniedrigung durch Haltung und Rede, sondern in der innerlichen des Geistes besteht. Diese wird dann in den klarsten Beweisen ihrer Geduld glänzen, wenn Einer nicht selbst Verbrechen von sich ausschreit, die Andere nicht glauben können, sondern wenn er Das, was ihm von Andern in anmaßender Weise zugefügt wird, nicht achtet, und die ihm widerfahrenen Beleidigungen mit sanfter Ruhe des Herzens erträgt."

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