Montag, 23. Januar 2012

Warum misst die Kirche der Sexualität Bedeutung für die Heiligung des Christen bei?

Vor einiger Zeit fragte mich eine Kommilitonin im Zuge eines Disputes über die Sexuallehre der Kirche, warum es die Kirche überhaupt für notwendig halte, sich zu einem so persönlichen Akt zu äußern? Das könnten die beiden Partner doch viel besser selber, unter sich ausmachen, anstatt sich mit den Ansichten zölibatär lebender alter Männer herumzuschlagen?

Ich fand das eigentlich eine gute Frage. Und so habe ich mal versucht, eine kurze Antwort zu geben. Die Ergebnisse lege ich hier vor:

Frage:

Warum misst die Kirche dem Geschlechtsakt bzw. der Sexualität eine generelle Bedeutung für die Heiligung des Christen bei?

Hieraus ergeben sich folgende Einzelfragen:
  1. Was ist Heiligung?
  2. Was muss ich für sie tun?
  3. Welche Bedeutung hat der Geschlechtsakt bzw. die Sexualität für den Menschen?
  4. Welche Bedeutung hat sie für die Heiligung?

Zu Frage 1: Was ist Heiligung?

Heiligung ist der Prozess, der uns zur Heiligkeit hinführt. Diese ist es das Endziel aller Menschen. Zur Heiligkeit sind alle berufen, denen mit dem Sakrament der Taufe das Tor zum Himmel aufgetan ist, da sie dadurch dem Gefolge Christi, dem Volk Gottes zugehörig werden, indem die Folgen der Erbsünde von ihnen abgewaschen werden, wodurch sie auf Gott hin befreit sind. Auf Gott hin weil die Wirksamkeit der Taufe aus der Liebe des personal gedachten Gottes zu seinen Geschöpfen fließt. Indem wir in der Taufe diese Liebe annehmen machen wir einen ersten Schritt, diese Liebe zu erwidern und damit von Geliebten zu Liebenden zu werden. Dadurch setzen wir uns mit dem liebenden Gott in eine Beziehung, die wie jede andere Beziehung davon lebt, dass man sich bei jedem Zusammentreffen in eine Beziehung zu Geliebten setzt. Da Gott, anders als unsere sonstigen Beziehungen, ewig bei uns präsent ist, gilt es für uns auch, uns immer zu ihm in Beziehung zu setzen. Dies geschieht auf besondere Weise durch das Gebet, worauf sich das Schriftwort bezieht: "Betet ohne Unterlass."1 Heiligung ist also das sich fortwährende in Beziehung setzen zum liebenden Gott, hierdurch zur Heiligkeit zu gelangen.

Zu Frage 2: Was muss ich für sie tun?

Thomas von Aquin schrieb: „Denn wir dürfen nicht borgen oder sonst irgendetwas tun wegen der Hoffnung auf den Menschen, sondern wegen der Hoffnung auf Gott.“ Alles was wir tun, müssen wir mit Blick und im Bewusstsein Gottes tun, wie bereits oben gesagt. Denn es gibt ja keinen Bereich, in dem Gott nicht präsent wäre, in dem er uns nicht Liebe entgegenbringen würde und in der er nicht von uns Verlangen würde, dass wir ihm Liebe entgegenbringen. Denn Gott ist nicht billig zu haben. Er fordert von uns nicht so sehr ein moralisches Verhalten, sondern eines, dass aus der Liebe zu ihm entspringt und das dadurch moralisch wird. Paulus sagt daher: „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, hätte aber die Liebe nicht, so würde es mir nichts nützen.“2 Weil seine Liebe umfassend ist, so stellt sie auch an uns einen umfassenden Anspruch und so müssen wir alles, was wir tun, in Liebe zu ihm tun, wollen wir konsequent in der Heiligung fortschreiten und die ausgestreckte Hand Gottes annehmen, damit er uns zur Heiligkeit emporhebt. Es kann daher keinen Gegenstand, keine Handlung geben, die davon unberührt bleiben würde. Selbst im Banalsten was wir tun ist uns Gott noch gegenwärtig, fällt noch sein liebender Blick auf uns und wünscht, erwidert zu werden.


Zu Frage 3: Welche Bedeutung hat der Geschlechtsakt bzw. die Sexualität für den Menschen?

Die Sexualität ist ein wesentlicher Teil der menschlichen Existenz, und das ist auch gut so. Denn sie für ihn in einem doppelten Sinne wichtig, wenn nicht existentiell: Zum einen weil er sich auf diese Weise fortpflanzt und seine Art erhält, womit er den Auftrag Gottes erfüllt: „Wachset und mehret euch“. Zum anderen weil er dadurch die innige Vertrautheit mit dem geliebten Menschen fördert. Zwar hat es zu allen Zeiten Strömungen in der Theologie gegeben, die dem Geschlechtsakt wesensmäßig sündhaften Charakter zuerkennen meinten zu müssen und ihn daher auf den reinen Fortpflanzungseffekt reduzieren wollten, doch schrieb schon Thomas von Aquin: „Auch ohne Sündenfall hätte sich das Menschengeschlecht durch Sexualität vermehrt. Andernfalls wäre ja die Sünde höchst notwendig gewesen – damit aus ihr etwas so Gutes entspringe.“ Und die Katholische Dogmatik ergänzt „die personale Relation von Geschöpfen zueinander ist eine direkte Analogie der Relation der Geschöpfe zu Gott"3 Die Sexualität ist damit als ein dem Menschen von Gott geschenktes Gut, dem durch seine Natur und Wirkung hohe Bedeutung zukommt. Stellte die Kirche doch fest, dass der Mensch sowohl Geist als auch Körper/Leib ist und daher das Leibhaftige des Menschen hochzuachten sei.4


Zu Frage 4: Welche Bedeutung hat die Sexualität für die Heiligung?

An gleicher Stelle hat das Konzil betont, dass der Mensch durch seine Geistliche Dimension die Gesamtheit der Dinge übersteigt und auf sich Gott hinordnen kann und soll. Damit ist klar zum Ausdruck gebracht, dass für die Sexualität nicht nur keine etwaigen Lockerungen in Bezug auf Punkt 1 und 2 gelten, sondern dass sie gerade durch ihre Bedeutung, die Gott ihr für den Menschen in der Schöpfung zudachte, besondere Beachtung geschenkt werden muss. Deswegen ist der Geschlechtsakt, der die Einheit von Geist und Fleisch leugnet, in dem er nur die Bedürfnisse des Fleisches anerkennt und nur diesen folgt, besonders dazu geeignet, uns mit Gott zu entfremden, weil wir sein Geschenk der Einheit von Geist und Leib hier drastischer zurückweisen als anderswo. Wenn der Mensch den Akt aber unter der Bedingung vollzieht, dass sich der Wille des Geistes zur Verinnerlichung mit dem/der Geliebten und das Bedürfnis des Leibes nach der Vereinung der Körper und der Fortpflanzung decken, dann gereicht er dem Menschen besonders zum Segen. Denn hierdurch kann ein Zustand des Glückes herbeiführen werden, in dem er die Liebe Gottes in der Liebe zum Partner lebt, wodurch sich der Gläubige Gott und seinem Wirken besonders öffnen kann, sodass er in der Heiligung fortschreitet.

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1 1 Tes 5,17.
2 1 Kor 13,3.
3 Vgl. Katholische Dogmatik, S. 121, Z.37f.  
4 Gaudium et Spes 16.

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