Montag, 30. Januar 2012

Thomas und das Zinsnehmen

Aus Anlass des vorgestrigen Festtages des Hl. Thomas von Aquin und eingedenk der momentanen Krisenerscheinungen im Finanz- und Wirtschaftssystem hier Teil meiner Hausarbeit "Thomas und das Zinsnehmen". Die Quelle war entnommen aus: Summa Theologica, II,2 78,1: Ist es Sünde, für geborgtes Geld Zinsens zu nehmen?

      Einführende Überlegungen
Thomas legt hier eine theologische Auseinandersetzung mit dem Geldverleih gegen Zinsen vor. Die Struktur des Textes und sein Inhalt machen klar, dass Thomas sich dezidiert dagegen ausspricht, dem Verleih von Geld gegen Zinsen eine Rechtfertigung zuzuerkennen. Das Philosophenwort, eine solche Praxis sei gegen die Natur, kann als nachdrückliche Feststellung der Sündhaftigkeit solchen Handelns gesehen werden. Denn für Thomas ist das Naturgesetzt, insoweit er es postuliert, immer die praktische Auslegung der Offenbarung, an der sich das Handeln des Menschen auszurichten habe.1 Hieraus ergeben sich im Kontext des Seminars und der Quelle im Wesentlichen folgende Fragen: 1. Welchen Bezug der Thomastext zu den Juden hat und wie er ihr Zinsnehmen beurteilt, 2. inwieweit er damit den theologischen Vorstellung seiner Zeit und der kirchlichen Tradition entspricht und 3. welche Übereinstimmungen mit dem weltlichen Gesetzen bzw. mit den weltlichen Traditionen dies hat?

    1. Thomas und die Zinsen der Juden
Für das Thema der Übung ist es interessant, dass es in der Auseinandersetzung der Überlegungen Thomas’ nicht um die Juden geht, sondern um die Erklärung einer Stelle aus dem Alten Testament. Dort erklärt Thomas, dass es den Juden zwar erlaubt war, Zinsen zu nehmen, jedoch nur von Fremden, also solchen, die nicht dem Volke Israel angehören, nicht aber gegen Personen des eigenen Volkes, wörtlich „von ihren Brüdern“2. Eine Bestimmung im Übrigen, die sich ja erhalten hat, wie wir aus der Frage an den Tosafisten Samson Ben Abraham3 ersehen können. Dieses Verbot wendet Thomas jetzt auf die Christen an, dergestalt, dass es ihnen untersagt ist, von irgendjemandem Zinsen zu nehmen, da durch das Wirken Christi alle Menschen grundsätzlich oder wenigstens potentiell „Nächste und Brüder“4 sind. Auch was das Zinsnehmen der Juden anginge, so sei dies keineswegs gerechtfertigt im Sinne von gut. Es handle sich dabei vielmehr um ein Zugeständnis der Schrift an die Gier der Juden, um Schlimmeres zu verhindern. In diesem Sinne liest er auch das Schriftwort: „Du wirst vielen Völkern Darlehen geben“5 nicht als Zustimmung der Bibel zu dieser Praxis. Vielmehr würden hier die Worte Darlehen und Lehen/Beleihung synoym verwendet, woraus sich kein Zinsanspruch ableiten ließe. Zwar kann man ausführen, dass er damit die Juden indirekt in das Zinsverbot für Christen einschließt und so den Juden unterstellt, sie würden durch ihren systematischen Geldverleih Gott besonders trotzen. Zwar würde er dabei dabei in der Tradition des Lateranums IV stehen, das im ersten Satz seines Judendekretes schrieb: „… desto stärker wächst die Treulosigkeit der Juden ihnen über den Kopf …“6 Diese Treulosigkeit kann sich auf zahlreiche Aspekte beziehen, kann aber auch so verstanden werden, dass die Juden durch ihre Zinsnehmen auch innerhalb ihrer eigenen religiösen Regeln gegenüber Mitgliedern anderer Religionen ihren Gesetzen gegenüber treulos sind.7 Doch ist es wie gesagt unbillig, Thomas Aussage in diesem Kontext überzuinterpretieren. Denn die Hauptstoßrichtung des Textes zielt ja nicht auf oder gegen die Juden, sondern auf die Christen. Wer die Stelle im Kontext der übrigen Artikel dieses Buches liest, der wird feststellen, dass das Thema die Frage nach der Gerechtigkeit des Christen ist, nämlich, was der Christ tun darf und tun soll, um sein Seelenheil zu sichern, was für Thomas das Ziel des Menschenlebens ist. In diesem Zusammenhang dient der die Juden behandelnde Teil der Quelle weniger bis gar nicht der Beurteilung der Juden, sondern vielmehr der Widerlegung des Punktes 2, demnach die Schrift das nehmen von Zins unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Da die hier aufgeführten Schriftworte aus dem Alten Testament entnommen sind, war es für die Klarstellung unbedingt nötig, sie in den jüdischen Kontext zu stellen.   
    1. Wieweit entsprach die von Thomas vorgestellte Meinung der Theologie
Wie zu allen Zeiten und allen Betrachtungsgegenständen, so muss man auch hier zwischen der Theorie und der Praxis unterscheiden. So bewegt sich die Theologie ja nicht im luftleeren Raum. Sie steht mit ihrer Umwelt in einem dialektischen Verhältnis. So wie sie auf ihre Umwelt einwirkt, so wirkt ihre Umwelt auch auf sie ein und der Standpunkt der Theologie ist immer durch die Gesellschaft geprägt, in der sie konkret verkündigt wird. Dies besonders bei einem Thema, dass eher eine praktische Ausformung der Lehre der Kirche darstellt und damit nicht zum spezifischen und unaufgeb- und wandelbaren Glaubensgut des Christentums gehört wie die Position der Kirche zum Geldverleih und Zinsennehmen. Daher kann man feststellen, dass die Position der Kirche sich im Laufe der Zeit wandelte. Zwar findet man bereits im Alten Testament das Verbot, Zinsen zu nehmen und auf verschiedenen Konzilien der Spätantike wird dies auch bestätigt, zu nennen sind hier z.B. die Synoden von Elvira, Arles und Nicäa, doch galt dieses Verbot noch nicht für alle Christen, sondern bezog sich vor allem auf die Kleriker bzw. wurde auf Laien nicht so scharf angewandt.8 Zu einer Ausweitung des Verbots auf alle Christen kam es erst in der Karolingerzeit, da man nunmehr jede Form von Zinsnahme als Wucher und damit als Sünde ansah.9 Das ist denn auch der Stand, auf dem sich Thomas von Aquin befindet. Denn bei Thomas kommt die Frage, ob Zinsen vielleicht doch nicht Sünde sein könnten, nicht vor. Zwar behandelt er in der dritten Einzelfrage das Thema, ob man einen Gewinn aus Zinsen zurückerstatten müsste, wenn dieser auf gerechtem Wege zustande gekommen ist. Doch bezieht er sich damit nicht auf gerechte Zinsen, sondern auf Investitionen, die mit dem durch Zinsen erworbenem Geld gemacht wurden. Hingegen schreibt er in Punkt 2: „dadurch wird zu verstehen gegeben, das Zinsnehmen von irgendeinem Menschen schlechthin böse ist.“10
    1. Wie Verhalten sich die weltlichen Gesetzen gegen die von Thomas aufgestellte These
Thomas selbst spricht diesen Punkt an. Denn er weiss, dass der von ihm in seiner Antwort vertretene Ansicht einen Idealzustand wiedergibt, der sich keineswegs in der Welt wiederfindet.11 Tatsächlich ist das von der Kirche geächtete nehmen von Zinsen auch unter Christen längst üblich, wie zahlreiche Quellen zeigen.12 Daher divergiert in diesem Punkt das kanonische und das weltliche Recht in einem hohen Maße, da sich letzteres bereits damals in weiten Teilen damit abgefunden hat, dass es Zinsen gibt. Mehr noch sind die Staaten, die Könige, Fürsten und Städte darauf angewiesen, dass es Bankgeschäfte gibt, schon allein deshalb, um die eigene Finanzierung mit Krediten zu sichern, aber auch um der Einnahmen von Steuern willen. Man darf sich auch nicht der Vorstellung hingeben, dass ein solches Geschäft ganz und gar in den Händen der Juden gewesen sei. Vielmehr weisen die Quellen nach, dass sich auch damals zahlreiche Christen in diesem Geschäft tätig waren. Besonders in Italien, wo ja wesentliche Teile der Summa entstanden sind, begannen sich damals größere Bankhäuser zu entwickeln, die Selbstverständlich Zinsen nahmen, wenn sie sie auch teilweise in anderer Form, besonders Staaten gegenüber eintrieben.13 So hatte denn das weltliche Recht es lange vor dem kirchlichen anerkannt, dass nicht alle Zinsen automatisch Wucher waren und verschiedene Zinssätze als erlaubt erklärt. Lediglich was darüber lag, war nunmehr Wucher und unerlaubt, wobei den Juden allgemein ein höherer Zinssatz zugestanden wurde als den Christen.14
              Resümee
Wir haben gezeigt, dass sich der Heilige Thomas mit seiner Ablehnung fast jeglichen Zinsnehmens als Wucher auf der Linie der Theologie seiner Zeit befindet und auch noch von einem Ideal spricht, dass im weltlichen Bereich nach wie vor Präsent war, wenngleich es nicht mehr eingehalten wurde und auf dessen Nichtbeachtung die Gesetzgebung der Regierungen mitlerweile die weltliche Macht eingegangen war. Wir haben aber auch bemerkt, dass zumindest in diesem Teil des Werkes von Thomas kein extensiver Antijudaismus zum tragen kommt, dass die Juden und der Wucher nicht systematisch zusammengedacht werden, sondern dass sie nur als Instrument der Erklärung von Bibelstellen dienen. Denn für Thomas ist nicht der Jude das Gesicht des Wuchers, für ihn ist es die Sünde, die Gier, die avaritia, die aus nichts noch Gewinn zu ziehen trachten. Der Schlüsselsatz der Quelle lautet deshalb auch nicht, man solle keine Zinsen nehmen, denn dies ist nur eine instrumentale Anweisung, die sich auf ein Laster richtet. Vielmehr ist es ein allgemeiner Ratschlag, der, wenn er befolgt wird, auch die Gier und den Wucher mit ihr betrifft: „Denn wir dürfen nicht borgen oder sonst etwas tun wegen der Hoffnung auf den Menschen, sondern wegen der Hoffnung auf Gott.“15

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1 Vgl. Zitiert aus: Thomas v. Aquin: Quaestiones disputatae de correctione fraterna, 1,2 „Vor der Moral kommt die Natur.“
2 Zitiert nach: Thomas v. Aquin: Summa Theologica, II,2 78,1 zu 2.
3 Vgl. RRS, S. 68f.
4 Vgl. Psalm 15.
5 Vgl. Dtn 28,12, lautet vollständig: „Du wirst vielen Völkern Darlehen geben können [in der Einheitsübersetzung steht ausleihen, Kommentar des Autors] und selbst von niemandem ausleihen müssen. Vgl. hierzu auch u.a. Dtn 15,6-8:“ … dann kannst du vielen Völkern gegen Pfand leihen, du selbst aber brauchst nichts zu verpfänden.“
6 Lateranum IV
7 Für entgegengesetzte jüdische Argumente vgl. erneut RRS, S. 68f., außerdem ebenda S. 52.
8 Vgl. http://kredit-engel.de/geschichte-finanzwesen/ An dieser Stelle gibt der Text der Internetseite ein missverständliches bis falsches Bild wieder, weil er impliziert, dass das Zinsverbot die Laien nicht betroffen habe. Demgegenüber stellt das Konzil von Elvira fest: „Si quis etiam laicus accepisse probatur usuras, et promiserit correptus iam se cesseturum nec ulterius exacturum, placuit ei veniam tribui: si vero in ea iniquitate duraverit, ab ecclesia esse proiciendum.“ Zitiert nach Kloft, Matthias Theodor: Das christliche Zinsverbot, in: Heil, Johannes, Wacker, Bernd (Hrsg.): Shylock? Zinsverbot und Geldverleih in jüdischer und christlicher Tradition, München 1997, S. 24, Fussnote 8, wiederum zitiert nach Siems, Harald: Handel und Wucher im Spiegel frühmittelalterlicher Rechtsquellen, Hannover 1992, S. 551. Die Literatur der Internet-Seite hat lediglich insoweit reicht, als auf dem Konzil von Arles dieses Verbot auch für Laien nicht erneuert wird, dieses aber das häufiger rezepierte Konzil ist. Vgl. Hierzu wieder Siems: Handel und Wucher, S. 508. 
9 Vgl. ebenda, S. 23. Für den Hintergrund der Wirksamkeit der Bibel als Rechtsgrundlage seit karolingischer Zeit vgl. Hartmann, Wilfried: Die Karolingische Reform und die Bibel, in: AHC 18 (1986), S. 58-74. Für weiterführende kirchliche Verordnungen vgl. z.B. Decretum Gratiani.
10 Zitiert nach Thomas von Aquin: Summa Theologica, II,2 78,1 zu 2.
11 Zitiert nach ebenda, S. Z. 7-11: „Die menschlichen Gesetze lassen manche Sünden ungestraft wegen der Verfassung der unvollkommenen Menschen, bei denen manches nützliche Werk unterbunden würde, wenn alle Sünden streng verboten und mit der entsprechenden Strafe belegt würden.“
12 Vgl. Bourquelot, Felix: Etudes de Champagne …, t.2, 1865, S. 126.
13 Kloft: Das christliche Zinsverbot, S. 30f. Als Beispiel für die in Flandern im 13. Jh. üblichen Zinssätze vgl. z.B. BVourquelot, op. Cit., t.2, s. 120.
14 Vgl. z.B. das Privileg des flandrischen Grafen Guido von Dampierre aus dem Jahr 1281 für die lombardischen Kaufleute, in: De Roover, Raymond: Money, Banking and Credit in Medieval Bruges. Italian Merchant-Bankers Lombards and Money-Changers. A Study in the Origins of Banking, Cambridge 1948, S. 100. Weiter Beispiele sind Aronius, op. cit., Nr. 618, S. 260 oder ebenda, Nr. 594 und 629, S. 255 und 264.
15 Zitiert nach Thomas von Aquin: Summa Theologica, II,2 78,1 zu 4

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