Mittwoch, 25. Januar 2012

Bekehrung Pauli - Ein Pharisäer für die Heiden

Wer war Paulus?
Der Erfinder des Christentums. Der Überwinder der jüdische Religion. Der Neuentdecker Jesu. Ein Frauenfeind.
Was aber sagt er über sich selber?
Er sei eine Missgeburt. Er sei unwürdig, sich Apostel zu nennen. Er sei ein pharisäischer Jude.

Als Christen und als Historiker kann man Paulus am Besten über seine Bedeutung greifen: Er war ein Glückgriff und er war der bedeutendste Theologe des Urchristentums. Ein schöner Satz, den ich einmal über ihn gehört habe war, dass Jesus keinen Besseren hätte berufen können. Das will ich nicht beurteilen, aber mit Paulus war sicherlich die Oberliga erreicht.

Und das auf zweierlei Weise:
1. Paulus war Pharisäer. Und mehr noch, er war einer der am besten ausgebildeten Pharisäer seiner Zeit. Er hatte bei Gamaliel gelernt, in der Schule des Hillel, einer der, wenn nicht der besten religiösen Schule, die das Judentum damals zu bieten hatte. Für die frühen Christen, die überwiegend zur Unter- und Mittelschicht gehörten und keine fundierte theologische Ausbildung genossen hatten, bedeutete der Pharisäer Schaul eine gewaltige Hebung des theologischen Niveaus.
2. Paulus war rastlos. Keine uns bekannte Figur des frühen Christentums war so viel unterwegs wie er und er hätte vermutlich sogar noch mehr geschafft, wenn er nicht jahrelang in Kilikien festgesessen und später in irgendwelchen Gefängnissen geschmort hätte. Wann immer wir von ihm hören, scheint er unterwegs gewesen zu sein oder zumindest gerade auf dem Sprung. Niemand hat soviel für die Verbreitung der christlichen Botschaft getan, niemand zu so vielen Leuten gepredigt, niemand so viele Briefe geschrieben. Wir können wohl zu recht davon ausgehen, dass die vorliegende Briefsammlung nur einen kleinen Teil dessen enthält, was dieser Mann seinen Mitarbeitern diktiert hat. Vor allem da die meisten Mitarbeiter und Weggefährten des Paulus irgendwann das Handtuch geschmissen haben. Mit ihm mitzuhalten muss eine Qual gewesen sein.

Doch all das ist nicht mal das erstaunlichste an diesem erstaunlichen Menschen.

Erstaunlich ist auch, dass aus dem bekennden Christenfeind, dem Verfolger des frühen Christentums, ihr größter Propagandist wurde. Ein Mann, der seine rastlose Energie den jüdischen Oberhäuptern zur Verfügung stellte, um die renitente Splittergruppe auszuheben, vollzog eine 180 Grad Wendung und diente fortan einem verurteilten Handwerker und seinem Stellverteter, einem gelernten Fischer. Denn obwohl Paulus dem Petrus weit überlegen war was Bildung, Verstand und Einsatzkraft anging, so kam er doch nach Jerusalem, um sich mit den Aposteln zu beraten. Beraten heisst nicht nur zu organisieren, sondern auch über den irdischen Jesus berichten zu lassen. Beides dürfte Saul Überwindung gekostet haben. Nicht nur musste er einen Mann um Unterweisung bitten, dem er sich mit Recht als Überlegen fühlen dürfte, er musste auch noch akzeptieren, von diesem in die Provinz geschickt zu werden, nach Kilikien. Dort verbrachte er Jahre, bis man ihn endlich aktivierte und nach Antiochia, ins nördliche Zentrum des Christentums, und auf Missionsreisen holte.

Doch auch diese vorbildliche Demut Pauli ist immer noch nicht da erstaunlichste.
Der eigentliche Witz Gottes ist, dass ein Pharisäer zum Heidenmissionar wurde. Ein Mann also, der von seiner Veranlagung und seiner Ausbildung auf detaillierte Gesetzeserfüllung konditioniert war. Der auch als Anhänger Jesu Jude und Pharisäer blieb und bleiben wollte. Nichts hätte Näher gelegen, dass sich ein solcher Mann in die Reihe der strengen Judenchristen einreit, die Mission als Mission zum Judentum verstanden. Auch bei seiner Arbeitsweise hätte es nahe gelegen. Denn zuerst ging er in die Synagogen zu den Juden, dann zu den Gottesfürchtigen, Heiden, die bereits zahlreiche Judaismen angenommen hatten. Sie mit neuem Elan zum vollen Judentum zu bewegen, wäre dem Ergeiz Pauli gerecht geworden.
Doch Paulus schwenkte um. Und gerade das machte ihn groß. Durch ihn entfaltete sich eine Tendenz, die wir bereits durch Jesus angelegt und durch Petrus fortgesetzt sehen, die Hinwendung zu den Heiden und die Bildung eines Heidenchristentums. Wohlgemerkt nicht die Überwindung des Judenchristentums. Für Paulus bedurfte die Gemeinschaft Christi immer beide Beine, der Heiden und der Juden. Aber für ihn war es wichtig, den Juden Jesus und die jüdische Gemeinschaft Christentum für die Heiden zu öffnen. Das Tor, das bereits einen spaltbreit offen stand, wurde durch ihn aufgetreten. Nicht damit die Juden rausgehen, sondern damit die Heiden hereinkommen konnten. Wenn wir Paulus im Licht der Erforschung der jüdischen Theologie lesen, bemerken wir bald, wie sehr der Pharisäer Schaul die verschiedenen jüdischen Strömungen seiner Zeit aufnimmt und im Licht der Lehre Jesu auslegt. Tatsächlich ist auch die Mission, die er betrieb, nicht genuin christlich, sondern steht im Zusammenhang mit einer gewissen missionarischen Strömung im Judentum seiner Zeit. Auch seine Gnadenlehre, das vermeindliche Unterscheidungsmerkmal zur jüdischen Gesetzesfrömmigkeit, ist jüdisch. Sein Autoritätsverständnis, das Thora, Tanach (im Werden begriffen) und Traditionen kannte, ist jüdisch. Alles, einfach alles an diesem Mann ist jüdisch.

Mit lediglich einer einzigen Ausnahme: Der Beschneidung und den ihr ähnlichen Vorschriften. Hier brach Schaul in der Tradition Jeschuas und des Kaefas mit einem jüdischen Idealverständnis und baute Schranken ab. Tatsächlich bezog sich der Primärakt vor allem auf die Beschneidung. Die jüdischen Speisevorschriften wurden auch damals nicht allenthalben penibel eingehalten. Bei der Bescheidung aber berücksichtigte Paulus den spezifisch missionarischen Zug des Christentums, den er mehr als alle anderen verkörperte. Ein Kind zu beschneiden war das eine, einen erwachsenen Mann etwas anderes. Der konnte sich wehren und war entsprechend wenig begeistert, wenn man ihm an die edelsten Teile wollte. Hier nutzte Paulus den Spielraum, den ihm die Lehre Jesu bot. Wenn die Beschneidung ein Hinderungsgrund für die Mission war und wenn sie nicht zwingend von Jesus vorgesehen war, dann ließ man sie halt weg. Das er sich damit einen erheblichen Teil der Judenchristen zum Feind machte, dürfte für Paulus wenig belang gehabt haben. Solange er sich auf der Seite der jesuanische Lehre fühlte und er von den Aposteln und gerade Petrus keinen Gegenwind bekam, war das Gequengel irgendwelcher Provinzler eher marginal. Zudem kann man Paulus nicht vorwerfen, er wäre Streit aus dem Weg gegangen. Paulus zu unterstellen, er sei ein Verräter an den ursprünglichen Ideen Jesu gewesen um die Mission besser betreiben zu können ist irrig. Denn in anderen Aspekten der Lehre war er wenig kompromissbereit, ja geradezu stur. Zudem gluckte er zu Lebzeiten über seinen Gemeindegründungen und klopfte ihnen beständig auf die Finger. Einem Mann, der es sich immer so schwer gemacht hat wie ihm zu unterstellen, er hätte es den Leuten über Gebühr leichten machen wollen, verfehlt den Charakter des Pharisäers Schaul. Ein paulinisches Christentum ist alles, leicht ist es nicht, ob mit oder ohne Beschneidung. Doch Paulus setzte Prioritäten. Anstatt von allen alles zu fordern, verlangte er die Konzentration auf das Wesentliche, sich bewusst, wie schwer das schon war.

So wurde Paulus denn zum größten Missionar und bedeutendsten Theologen des frühen Christentums. Doch seine Gestalt ist zeitlos und sein Auftrag nie beendet. So rastlos er im Leben war, so rastlos auch im Tod. Kein Autor der Bibel wurde mehr gedeutet, keiner mehr missdeutet. Gerade heute gilt es wieder, Paulus zu entdecken. Für den Pharisäer Schaul galt es, den Heiden entgegenzuziehen. Heute gilt es für die Heiden(-christen), dem Pharisäer Schaul entgegenzuziehen.

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