Dienstag, 6. Dezember 2011

Adventsgedanken der Zweite - Also sprach Zacharias

Aber das geht doch gar nicht!
So haben wir alle schon einmal über etwas gedacht.
Aber das ist doch gar nicht möglich!
In diese Sätze kann man die ganze Frustration des alten, postmodernen Europas eindampfen. Sie, die einst die Herrin der Welt war, sie ist müde geworden. Sie hat resigniert, seit sie auf dem absteigenden Ast ist.
Zugleich kommt von der anderen Seite des großen Teichs ein Video, indem sich der Mensch zum Vermöglichmacher stilisiert. Es mag Comedy sein, aber es ist doch symptomatisch. Der Mensch kann alles, alles ist möglich. Das kann man jetzt als einen Widerspruch sehen. Kann man aber auch nicht. Für mich sind es zwei Seiten der selben Medaille, ist dieser scheinbare Widerspruch die Janusköpfigkeit der westlichen Kultur.
Dem Menschen ist alles möglich. Und wenn nicht, dann ist es unmöglich.
Man muss nicht weit schauen, um dafür viele Beispiele zu entdecken. Da finden gewaltige Konferenzen statt, um das Klima zu retten, was eine höfliche Chiffre dafür ist, dass man das Klima so erhalten werden soll, wie es einem gerade in den Kram passt. Zugleich aber sind wir unfähig geworden, uns über längere Strecken abgasfrei fortzubewegen. Da werden billionenschwere Rettungsfonds aufgebaut, während wirtschaftliche Selbstständigkeit immer mehr zum Fremdwort wird. Da will keiner mehr Kinder kriegen, während Designer-Babies geplant und bei Bedarf der Embryo, vulgo Zellhaufen, entsorgt wird.
Meine Lieben, das hängt doch miteinander zusammen. Entweder ist alles möglich, oder gar nichts. Entweder ich kann das, oder es geht nicht.
Nun erzähle ich hier nichts Neues. Die Einstellung hat es immer gegeben, sie war im Menschen immer vorhanden.

Um diese steile These nachzuweisen, ziehe ich eine Quelle heran, die annährend 2000 Jahre alt ist, das Lukasevangelium.
Im ersten Buch wird uns von einem Mann namens Zacharias erzählt, der der Priesterkaste angehörte. Das scheint ein rechtschaffener Mann gewesen zu sein, denn es heisst über ihn, das er sich streng an die Gebote Gottes hielt und so lebte wie es in den Augen Gottes recht ist.
Aber dieser Zacharias hatte ein Problem. Denn es fehlte ihm, was damals ein wichtiger Indikator für Zufriedenheit war, nämlich ein Erbe. Das lag aber nicht an ihm, sondern an seiner Frau, Elisabeth, die unfruchtbar war. Und mittlerweile hatte er auch keine Hoffnung mehr, dass sie ihm einen Erben schenken könnte, denn sie war bereits vorgerückten Alters. Es ist also eine zutiefst menschliche und in gewisser Weise auch alltägliche Situation, in die wir hier einen Einblick erhalten. Ein Paar kann keine Kinder bekommen und nach den Möglichkeiten des Menschen besteht keine Chance mehr. Zwar betete Zacharias nach wie vor zu Gott, dass er dennoch einen Sohn bekommen möge, aber das scheint wohl mehr eine Art Routine geworden zu sein. Hoffnung, dass seine Gebete erhört werden würden, hat der Mann nicht mehr gehabt. Das konnte ja auch gar nicht mehr sein. Das ging ja auch gar nicht mehr.

Aber dann passiert etwas Ungewöhnliches. Denn während Zacharias seinen Aufgaben als Priester des Kultes in Jerusalem nachgeht, konkret während er alleine im Heiligen des Tempels das Rauchopfer darbringt, begegnet ihm eine überirdische Erscheinung. Ein Engel tritt neben ihn. Der arme Kerl bekommt natürlich einen riesen Schreck und Angst. Ich an seiner Stelle wäre wahrscheinlich aus dem Tempel getürmt. Mal ehrlich, da steht auf einmal so ein Lichtwesen vor dir, da kriegt man schon mal Panik. Aber der Engel beruhigt ihn. Und mehr noch. Er verheißt ihm, dass seine Gebete erhört worden sind und seine Frau einen Sohn gebären wird. Und der Engel legt sogar noch eins drauf:
"Große Freude wird dich erfüllen und auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und andere berauschende Getränke wird er nicht trinken und schon im Mutterleib wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein. Viele Israeliten wird er zum Herrn, ihrem Gott, bekehren. Er wird mit dem Geist und mit der Kraft des Elija dem Herrn vorangehen, um das Herz der Väter wieder den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Gerechtigkeit zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen."
Was kann man sich als gottesfürchtiger Mann, Priester und zukünftiger Vater denn noch wünschen - zumal der Engel die Story mit dem Kopf auf dem Tablett rücksichtsvoll weggelassen hat.
Allerdings, und ich persönlich kann das durchaus verstehen, macht Zacharias erstmal keine besonders gute Figur. Da steht so ein Engel vor ihm und es wird eine Fülle von Großartigkeiten vor ihm ausgebreitet und der Mann ist einfach nur baff. Stand vermutlich mit offenem Mund da. Dann kam wohl erstmal nix. Das muss man auch alles erstmal verarbeiten. Zacharias schwankte in diesem Zeitraum wohl zwischen Freude und Unglauben. Natürlich war es toll, was er da serviert bekam. Aber kann man das alles so glauben? Geht das denn alles so einfach? Das ist doch im Grunde alles gar nicht möglich? Und diesem Zweifeln macht unser Protagonist Luft, er kann es nicht glauben, er will sicher gehen: "Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist? Ich bin ein alter Mann und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter."

Viele von uns hätten so reagiert. Aber dem kundigen Leser der Bibel fiel sicher eine Stelle ein, die eine ganz ähnliche Situation beschreibt. In Genesis 15 verheißt der Herr Abraham, dass seine Nachkommen so zahlreiche werden würden wie die Sterne am Himmel, nachdem er über seine Kinderlosigkeit geklagt hatte. Und was tat der Stammvater nach dieser Verheißung: "Abram glaubte dem Herrn und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an" Darin unterscheidet sich Abraham von Zacharias und wohl von den meisten von uns - zumindest von mir. Gott verkündet ihm etwas, was hochgradig unrealtistisch ist, und er neigt das Haupt und glaubt. Und Gott rechnet es ihm als Gerechtigkeit an, das heisst, weil er die Entscheidung getroffen hat, für wahr zu halten was nach menschlichem Ermessen unmöglich ist, wird er von Gott sogar noch belohnt.

Aber kommen wir zurück zu Zacharias, der uns da näher liegt. Er fragt nach und macht geltend, dass es doch eigentlich nicht möglich sei, was der Engel ihm da erzählt, denn er und seine Frau seinen dafür doch zu alt. Es ist nicht so, dass er anzweifelt, dass ein Engel vor ihm steht. Es ist nicht so, dass er all das rundheraus von sich weist. Er dreht sich nicht kopfschüttelnd um. Nein, er fragt einfach nur nach, will den Wahrheitsgehalt prüfen und konfrontiert den Engel mit seiner Lebenserfahrung. Aus der Perspektive des Menschen eine vollkommen normale und angemessene Reaktion. Und der Engel antwortet ihm, indem er seinen Namen nennt und seinen Auftrag bekräftigt. Damit könnte die ganze Geschichte auch zu Ende sein, aber vielleicht zweifelt Zacharias immer noch, vielleicht ist ihm die Bedeutung des gesagten immer noch nicht aufgegangen, vielleicht droht er wieder in seine alte Haltung zurückzufallen. Deshalb wird er vom Engel mit Stummheit und Taubheit geschlagen, er wird, wenn man so will, exkommuniziert, er verliert seine primären Kommunikationsorgane. Doch ist es keine Strafe eines schmollenden Engels, sondern eine Besserungstrafe. Zacharias erhält die Möglichkeit, über das, was geschehen ist und was noch geschehen wird, nachzudenken, indem man ihn bis zu einem gewissen Grad absondert. Er, der ungläubig dem Engel zugehört hat, erhält die Zeit, seinen Glauben wiederzufinden.
Eine Zeit, die Zacharias nutzt. Denn nachdem seine Frau wirklich schwanger geworden ist bringt sie einen Sohn zur Welt. Nun ist natürlich große Freude und eine Heerschar von Verwandten fällt über die drei her, die alle umtreibt, wie der Kleine denn nun heißen soll. Natürlich haben sie alle hilfreiche Vorschläge parat, die jedoch von Elisabeth weggewischt werden, die erklärt, der Kleine solle Johannes heißen. Die Verwandten, die das ungewöhnlich finden, wenden sich an den Vater. Der jedoch nimmt ein Schreibtäfelchen und vollbringt, was er im Tempel unterlassen hatte: Er glaubt Gottes Wort und erfüllt es, indem er seinem Sohn den ungebräuchlichen Namen Johannes gibt. "Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen, und er redete und pries Gott." Der Hl. Ambrosius schreibt über diese Stelle: "Zu Recht aber löste sich sofort seine Zunge, denn der Unglaube hatte ihn gebunden, sein Glaube aber macht ihn frei."

Es ist eine Geschichte, die einen Lernprozess beschreibt. Über Zacharias, den Priester, der trotz seines Glaubens, den wir ihm nicht absprechen wollen, dennoch allzu menschlich dachte. Der die Hoffnung aufgegeben hatte, weil er die Geburt eines Sohnes nicht für menschenmöglich hielt. Der selbst im Angesicht des Engels nicht von dieser Position lassen wollte. Wie lange hatte er sich Hoffnung gemacht, wie lange hatte er zu Gott gebetet. Doch nichts war passiert. Er glaubte nicht mehr, das es möglich wäre, weil es nach all seinen Erfahrungen unmöglich war. Und konnte er es riskieren, noch einmal zu hoffen, um dann wieder enttäuscht zu werden? Nein, er zweifelte, er wollte nach menschlichem Maßstab auf Nummer sicher gehen. Er glaubte dem Engel nicht, weil er seinen Worten nicht vertraute, die die Worte Gottes waren. Ein Misstrauen, dass ihn sprachlos machte. Eine Strafe, die ihm Segen war, weil sie ihm half, über das nachzudenken, was er gehört hatte und das zu beobachten, was um ihn herum geschah. Wir können davon ausgehen, dass er nicht nur die Empfängnis seines eigenen Sohnes erleben durfte, sondern auch den Besuch der schwangeren Maria. Es ist unwahrscheinlich, dass der Turnus ihn zwischen der Empfängnis des Johannes und seiner Geburt wieder nach Jerusalem berief und da er zuhause einer eigenen Erwerbsarbeit nachging, wird er Maria sicher getroffen haben. All das muss einen tiefen Eindruck auf den Stummen und Tauben gemacht haben, der das Walten Gottes so hautnah erleben durfte. Und er zog daraus die Konsequenz und drehte seine Perspektive. Anstatt wie zuvor das für möglich zu halten, was ihn seine Erfahrung lehrte, hielt er nun auch das für möglich, was Gott verkündete. Und er richtete nicht nur seinen Blick, sondern auch sein Leben und seine Handlungen neu nach dem Wort Gottes aus. Und dieser neugewonnen Glaube befreite ihn, nachdem er ihn allen gezeigt, ihn erwiesen hatte.

In der Gestalt des Zacharias begegnen uns vier Aspekte: Eine menschenzentrierte Sicht, eine negative Folge dieser Sicht, die geistliche Neuausrichtung und schließlich die Umsetzung derselben. Nun begegnen uns heute in der Regel keine Engel mehr, die ihm Strahlenkranz unseren potentiellen Kindern eine glorreiche Zukunft verheißen. Und wir werden auch nicht mit Stummheit geschlagen. Und doch stellt diese Perikope ein Problem der Menschen zu aller Zeit konzentriert dar und gibt uns zugleich die Antwort: Hören, Vertrauen, Folgen.

Dafür müssen wir aber einen Lernprozess durchmachen, wie Zacharias: Das eigene Ich zurückstellen, die Hybris überwinden, der Mensch sei der Maßstab des Möglichen. Denn nur weil wir etwas nicht vermögen, ist es noch nicht Schall und Rauch. Es ist möglich, wenn es dem entspricht, was ER will. Der Hl. Thomas von Aquin schreibt, dass wir erhalten werden, worum wir bitten, wenn es unserem Ziel, der Heiligung, entspricht. Hören wir also, worauf Gott uns hinweist, welchen Weg er uns zur Heiligung weist. Vertrauen wir darauf, dass er uns das geben wird, was wir hierzu bedürfen, auch wenn wir es für unmöglich oder unwahrscheinlich halten. Nehmen wir den Wanderstab wie einst Abraham und brechen wir auf und lassen wir Gott zum Vermöglichmacher werden.

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