Montag, 12. Dezember 2011

Adventsgedanken der Dritte - Johannes in der Wüste

Spürt ihr es auch?
Dieses leichte Kribbeln in den Händen, dieses nervöse Scharen mit den Hufen.
Ihr wisst was das heisst?
Genau.
Halbzeit vorbei, jetzt beginnt der Stress!

Gestern war der dritte Adventssonntag und damit treten wir in  die Phase ein, wo man sich mal so langsam übelegen muss, welches Geschenk denn für welchen Verwandten angebracht wäre, während man sich gleichzeitig von einer "Weihnachtsfeier" zur nächsten schleppt, sich durch Weihnachtsmarktstände schlängelt, den Baumschmuck aus dem Keller kramt, die Mistelzweige aufhängt, die Feuerlöscher wegen der gesteigerten Brandgefahr installiert und dabei auch noch besinnlichen Frohsinn verbreiten darf.
In dieser Zeit gewinnt Weihnachten eine ganz neue Bedeutung für uns. Weihnachten, dass ist das Fest, wenn es endlich vorbei ist. Wenn endlich wieder Ruhe ist. Wenn die Verwandtschaft aus dem Haus komplimentiert, die Kinder mit ihren Geschenken ruhig gestellt und die Kerzen verbraucht sind, der Weihnachtsbaum noch nicht nadelt und alle Beteiligten erschöpft auf dem Sofa sitzen. Zu diesem Zeitpunkt fiebern wir alle doch in Wahrheit hin. Wenn endlich Ruhe ist. Unter diesem Aspekt löst sich die traditionelle Grenze von Advents- und Weihnachtszeit auf und verschmilzt. Jetzt dauert die Weihnachtszeit etwa vom 1. Advent bis zum 2. Weihnachtstag. Alles was danach kommt ist Vorneujahr. Darauf fiebern wir alle hin, während wir unsere mit den Geschenklisten durch die Einkaufspassagen stürmen, immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, Onkel August ein Schnäppchen, also was Billiges, anzudrehen.
Wenn es doch nur schon vorbei wäre!

Das ganze erinnert mich an die Vorgeschichte des Auftretens Jesu.
Da tritt in Israel, am Jordan, ein Mann auf, der sich Johannes nennt. Er ruft die Menschen zur Umkehr auf, predigt über den Beginn des Reiches Gottes und tauft die Menschen. Das war in der damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches. Israel um 30 n. Chr. war eine messiasschwangere Zeit. Überall lugten irgendwelche Davidsöhne und Heilande um die Ecke, im Schlepptau ein Paar Anhänger und erklärten jedem, der nicht bei drei auf den Bäumen war, dass sie von Gott auserwählt seien, das jüdische Volk zu retten, zu befreien und mit Gott wieder zu versöhnen. Und das Volk war passend dazu in latentem Aufruhr. Man erwartete regelrecht, dass gleich der Start in eine neue, bessere Zukunft erfolgen würde. Der Countdown war sozusagen schon angelaufen, man wusste nur noch nicht, bei welcher Zahl man genau war.
Wenn es der Messias doch die Römer schon vertrieben hätte. 

Da verwundert es nicht, dass auch Johannes einen gewissen Zulauf hatte. Er hatte sogar mehr als manch anderer, obwohl seine Predigten und seine Gestalt nicht besonders ansprechend gewesen sein dürften. Kameelhaarkleidung tragend und heuschreckenessend war er nicht gerade die Idealverkörperung eines Gentleman, der bei Tee und Plätzchen seine Lehren darlegt. Dennoch war er so erfolgreich, dass man es im stressgeplagten Jerusalem für nötig befand, mal nachzufragen, für wen sich Johannes eigentlich hielt. Und Johannes antwortet: "Ich bin nicht der Messias". Das irritierte die Abgesandten wohl, denn die meisten dieser Prediger behauptete das von sich gerne. Also fragten sie weiter die Infrage kommenden Titel ab: "Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein." Man spürt die wachsende Verzweiflung der armen Leute, die diesen Wüstenbewohner einfach nicht einordnen konnten. "Da fragten sie ihn: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Auskunft geben. Was sagst du über dich selbst?" Darauf antwortet Johannes: "Er sagte: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat." Der Hl. Johannes Chrysostomos sagt über diese Stelle: "Du siehst, wie sie hier heftiger und drängender fragen, wie Johannes jedoch ihre falschen Gedanken sanft und geduldig zurückweist und die Wahrheit bekennt." und der Hl. Gregor der Große ergänzt: "Ihr wißt doch, daß der einziggeborene Sohn das Wort des Vaters genannt wird. An unserem Sprechen aber erkennen wir, daß zuvor die Stimme ertönt, damit das Wort gehört werden kann. Johannes nennt sich also Stimme, weil er dem Wort vorausgeht ..." Die Worte des Johannes stehen in einem deutlichen Kontrast zu den Worten Jesu, als er zu Beginn seines Wirkens erklärte: "Die Zeit ist erfüllt"
Johannes und Christus, beide sind miteinander verbunden, aber beide sind doch auch voneinander getrennt. Johannes behauptet eben nicht, der Messias zu sein. Er sagt nicht, dass jetzt die Zeit des Messias wäre, sondern das seines Zeit noch kommen würde. Die Aufregung, den Stress der Menschen, die zu ihm kommen, nimmt er zwar war, aber er erlöst sie nicht davon, indem er den Weg abkürzt. Auch die Evangelisten hatten für diesen Hindrängen der Juden in die Zeit des Messias ein feines Gespür. Zwischen die alte, vormessianische Zeit und das Wirken Jesu schieben sie Johannes den Täufer ein, der auf die Ankunft des Heilands hinweisen, vorbereiten, aber es nicht sein soll.

Die Adventszeit ist daher in besonderer Weise die Zeit des Johannes. In seinem Wirken zeigt sich uns das Wesen des Advents: "Ich bin NICHT der Messias".
In diesen wenigen Worten liegt das Geheimnis, liegt das Besondere dieses Mannes. Denn wie leicht hätte er sich zum Messias aufschwingen können. Wie gerne hätte man es ihm abgenommen, wie viele wären ihm nachgelaufen. Und wie überzeugend hätte dieser kämpferische Asket in der Wüste den Messias verkörpern können. Er hatte ja alle Voraussetzungen. So wie der Advent ja alle Voraussetzungen hat, Weihnachtszeit zu sein. Es wird kälter, dunkler und es verbreitet sich eine gewisse Atmosphäre geschäftlicher Festlichkeit. Die Kinder sind aufgeregt, die Erwachsenen bemühen sich um Fröhlichkeit und die Spendenbereitschaft klettert auf Rekordhöhe - nicht nur in den Geschäften. Das eigentliche Weihnachtsfest ist dann nur noch der Gipfel, die Spitze, die dann ab dem 2. Weihnachtstag wieder auf normal abfällt. Und geben wir es ehrlich zu: So ist es ja auch. Wer nimmt es denn bei uns noch war, dass die Weihnachtszeit eigentlich bis in den Januar hineinreicht. Die Adventszeit ist zur Weihnachtszeit geworden. Obwohl gerade sie es NICHT sein will, so wie wie Johannes NICHT der Messias sein wollte. Und so wie auch Johannes missverstanden wurde, weil viele ihn für einen Messias gehalten haben, obwohl er es ihnen die Wahrheit ins Gesicht schrie, so schreit auch der Advent uns ins Gesicht, das er NICHT Weihnachten ist. Die Krippe ist noch immer leer. Auch wenn der Weihnachtsmann schon allerorten zu sehen ist.

Aber wenn Johannes nicht der Messias ist und Advent nicht Weihnachtszeit, wer ist er dann und was ist sie dann? "Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen."
Das Evangelium gibt hier zwei Aufgaben des Johannes an: 1. Zeugnis abgeben für den Messias und 2. die Menschen zum Glauben führen. Das sind beides Vorbereitungsaufgaben. Wie ein Leuchtturm soll Johannes das nahe Kommen des Messias, der rettenden Küste, anzeigen und das Volk Gottes dorthin leiten. Und das gleiche gilt für die Adventszeit. Auch die soll 1. Zeugnis abgeben dafür, dass Christus geboren ist und 2. in den Menschen wieder den Glauben wecken, sie für das Hochfest wachrütteln. Erst, wenn wir uns diese Funktion des Advents wieder ins Bewusstsein bringen, schaffen wir es, ihn richtig zu begehen.

Und das ist dringend nötig. Denn so wie Johannes notwendig war, das Auftreten Jesu anzukündigen, so ist auch der Advent notwendig, uns auf Weihnachten vorzubereiten. Meiner Meinung nach liegt das Problem des Weihnachtsfest nicht zwischen dem Hl. Abend und dem 2. Weihnachtsfeiertag, sondern im Advent. Indem wir uns ganz auf den Baum fixiert haben, haben wir den Weg vergessen, den wir zur Krippe zurücklegen müssen. Indem wir den Advent nur noch weltlich begehen, geht uns das Weihnachtsfest zu einem wesentlichen Teil verloren. Indem wir den Advent nicht mehr spirituell durchleben, verlieren wir zunehmend die Spiritualität das Weihnachtsfestes. Selbst wenn wir gläubige und praktizierende Christen sind, dann schlägt sich das zwar an Weihnachten nieder, nicht aber im Advent. Das diese Zeit ihre eigen Spiritualität, ihr eigenes religiöses Brauchtum hat, das sehen wir heute höchstens noch, wenn der Pfarrer am Sonntag violett trägt. Ansonsten spielt die Adventszeit praktisch religiös für uns kaum noch eine Rolle.

Johannes der Täufer, er ist uns in dieser Lage Mahnung und Beispiel. Denn Johannes ist die adventliche Gestalt schlechthin. Indem, wie er ist, wie er handelte, zeigt er uns, was adventliches Handeln ist.
Was also wissen wir über das Handeln des Johannes?
Er ging in die Wüste, trug ein Gewand aus Kamelhaaren und ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. Nun ist die Wüste bei uns weit weg, Kamelhaar doch schwierig zu beschaffen und Heuschrecken um diese Jahreszeit eher ein Luxusgut.
Aber all diese Aspekte lassen sich übertragen: Die Wüste ist die Einsamkeit, das Kamelhaar ist die Einfachheit, die Heuschrecken sind die Entsagung. Im Advent wird uns demnach empfohlen, uns in die Einsamkeit zurückzuziehen, unser Leben einfacher zu gestalten und Dingen, die uns wichtig sind, zu entsagen. Es ist ein innerlicher Handlungsrahmen, den wir hier präsentiert bekommen.
Die Wüste, die Einsamkeit, ist der Ort, in dem der Mensch allein ist mit Gott. Im Lichte Gottes konfrontiert sich der Mensch mit sich selber, trägt seine Schwachheit vor seinen Schöpfer und durchläuft eine Katharsis, einen Reinigungsprozess. Es gilt, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, zur Ruhe und mit Gott ins Gespräch zu kommen. 
Die Einfachheit, die Bescheidenheit, dient dazu, sich selbst zurückzunehmen, den Blick zu weiten. Nicht hektisch an den Menschen vorbeizueilen, weil man doch hier und dort hin muss, sondern die Menschen wahrzunehmen. Und sich selbst nicht ganz so wichtig. Den Kamelhaar ist weder besonders bequem noch besonders kleidsam. Es fordert uns Selbstüberwindung ab, uns weniger gut zu präsentieren. Gerade dem modernen Individualismus, der die Bestätigung durch den anderen braucht, tut es gut, auch mal weniger aufgedonnert durchs Leben zu gehen und sich nicht so wichtig zu nehmen.
Zuletzt die Entsagung. Sie ist vielleicht am einfachsten durchzuführen, aber in der Adventszeit auch am schwersten. Und auch auf die Gefahr, dass ich mich wiederholen sollte, Fasten ist in der Adventszeit eine gute Idee und sekundiert dem Gebet, Punkt 1, ganz vortrefflich. Mal nicht dauernd Glühweintrinken, mal nicht Waffeln, Bratwürste und anderes essen. Etwas weniger konsumistisch sein. Wir alle klagen darüber - ich auch - aber tun wir was? Nein! Wir machen munter weiter - ich auch. Vielleicht gehen wir also mal nicht zum Weihnachtsmarkt oder trinken den Wein auf der "Weihnachtsfeier". Es muss ja nicht viel sein, aber ein bisschen, kann auch mal ganz nützlich sein. Spätestens wenn man sich in der Mensa das irgendwie merkwürdig aussehende vegetarische Gericht reinwürgt, während der Nachbar das Schnitzel mampft, spürt man doch etwas von einer besonderen Atmosphäre, etwas von Verzicht für etwas größeres.

Nun ist die Adventszeit bald vorbei. Und viel wird sich wohl nicht mehr ändern. Aber das ist ja auch das reizvolle dabei. Auf den letzten Drücker, in den letzten knapp zwei Wochen vielleicht mal Advent ein wenig anders erleben. Nicht hetzen, sondern beten. Nicht leuchten, sondern sich begnügen. Nicht prassen, sondern fasten. Wie Johannes.  

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...