Dienstag, 8. November 2011

Der Papst als Machtfaktor - ein historischer Kommentar zu den Borgia


Wenn aber die weltliche Herrschaft den Päpsten so viele Probleme bereitet hat und eigentlich auch gar nicht in ihrem Wesen liegt, wie kam es denn eigentlich dazu? Wie kam es, dass das Papsttum zu einem solchen, auch weltlichen Machtfaktor wurde, dass die weltliche, Herrschaft notwendig wurde, wollte es nicht zerrieben und versklavt werden?

Nun, diese Frage enthält im Grunde zwei Punkte:
1. die Frage nach den Ursprüngen der weltlichen Herrschaft - historische Komponente
2. die Frage nach der Notwendigkeit der weltlichen Herrschaft - amtsimmanente Komponente

Wir wollen uns zuerst mit dem zweiten Teil beschäftigen.
Denn die Notwendigkeit der weltlichen Herrschaft des Papsttums entsteht nicht nur aus einem zeitlichen Problem, wie wir noch sehen werden, sondern durch ein amtsimmanentes Problem. Zu allen Zeiten war der römische Papst eine Person von besonderer Bedeutung. Hat seine reale Macht auch geschwankt, so war man sich doch seit der Zeit des Bischofs Clemens in der Christenheit weitgehend darüber einig, dass dem römischen Bischof der erste Ehrenplatz unter den Bischöfen gebührte. Eine solche Position weckt Begehrlichkeiten, zumal in einer Zeit, in der Ehre und Macht zwei eng zusammenhängende Begriffe waren. Wert macht hatte, dem verlangte es nach Ehre, um sie zu legitimieren und wer Ehre hatte, besaß zumindest potentiell macht. Das lateinische kennt den Begriff der auctoritas, der, für unseren Zweck übersetzten, legitimierten, ehrenvollen Macht, die von der bloßen Macht der Gewalt, der potestas, geschieden wurde. Mochte der Papst auch keine potestas haben - wir denken an Stalins Worte: Wieviel Divisionen hat der Papst? - er hatte doch die Autorität - nicht verwechseln - die Macht der Waffen zur auctoritas zu erheben, zu überhöhen. Der erste prominente Fall, in dem diese Macht des Papstes gezielt eingesetzt wurde, war die Usurpation des fränkischen Königtums durch die Karolinger: der Franke Pippin, der sein angemaßtes Königtum - potestas - durch den Segen des Vicarius Petri zum Königtum von Gottesgnaden - auctoritas - umgestalten ließ. Eine solche Macht hat naturgemäß vorher wie nachher Personen angelockt, die danach gierten, sie zu missbrauchen. Was passierte, wenn sie es konnten, haben wir gesehen.

Nach diesem kurzen Exkurs kommen wir aber nun doch noch zum Hauptteil, indem wir uns fragen, wann denn der römische Bischof anfing, welche Macht auszuüben.
Das die Bischöfe zu allen Zeiten nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein weltlicher Faktor waren, daran müssen wir zunächst erinnern. Denn auch wenn die Christen in den ersten drei Jahrhunderten ihrer Geschichte keine gesellschaftliche Macht waren, so stellten sie doch eine Gemeinschaft dar, die der Führung bedurfte und die schon sehr früh ein monarchisches Episkopat entwickelte. Die Bischöfe, die episkopoi, waren nicht nur Seelsorger, sie waren auch Gemeindeleiter und damit im Sinne des römischen Gesellschaftssystems, in dem das Christentum ja entstand, die Patrone ihrer Klienten. Das heisst, die Bischöfe mussten sich auch um ganz lebenspraktische Dinge kümmern, von der Versorgung der Armen bis zur Vertretung ihrer Schäfchen vor Gericht. All das kostete Geld und so wurden die Bischöfe auch noch zu Finanzverwaltern. Kurz und gut haben sie zahlreiche Aufgaben, die heute durch den Staat erfüllt werden, damals ausfüllen müssen und entsprechend Macht kumuliert. Und desto größer die Gemeinden wurden, desto mehr Aufgaben, desto mehr Geld, desto mehr Macht hatten die Bischöfe. Als das Christentum schließlich zu einer, wenn nicht der gesellschaftlichen Macht geworden war, so waren die Bischöfe ganz real und ohne es zu wollen in eine staatstragende, staatsprägende Machtposition hineingewachsen. Zumal dort, wo der römische Staat in den Wirren des 5. Jh. immer mehr kollabierte und die Menschen in alternative Systeme flüchteten. So entstand eine frühe Form der bäuerlichen Abhängigkeit, so entstand die weltliche Macht der Bischöfe.

An einigen Stellen jedoch wirkte dieser Prozess des Verfalls der Staatlichkeit stärker als an anderen. Besonders Rom, das alte Herz des Reiches, und seine Umgebung waren besonders stark hiervon betroffen. Kaum ein anderer Ort war dermaßen oft erobert und zerstört worden, kaum einer derart abgestiegen. Von einer Million in augusteischer Zeit sank die Einwohnerzahl auf 100.000 im 6. Jh. und auf sogar nur noch 20.000 im 7. Jh. Damit einher ging ein Zusammenbruch der Infrastruktur: Straßen wurden nicht instandgesetzt, Mauern nicht repariert, die Aquädukte nicht gewartet. Und weit und breit kein Kaiser, der sich Rom verpflichtet fühlte und die Stadt nicht nur am Leben erhielt, sondern sie auch vor den Barbaren schützte, die mit unschöner Regelmäßigkeit vorbeischauten um zu sehen, ob es noch was zu holen gab. Kurz und gut ein Trauerspiel sondergleichen. Die einzige Position, die in der Stadt noch existierte, und die über Bedeutung und Geld verfügte, war die Kirche, war der römische Bischof. Besonders zwei Päpste haben sich um Rom in dieser Zeit verdient gemacht und hierfür den Beinamen "der Große" erhalten: Leo und Gregor.

Leo ist besonders durch eine seiner Taten berühmt geworden, die Abwehr Attilas. Der Legende nach soll Attila, der Hunnenkönig und selbsternannte Geißel Gottes, bereits vor Rom gestanden haben und zwischen ihm und der nun gar nicht mehr so ewigen Stadt stand nichts außer dem Papst. Doch dann brach über Leo der Himmel auf und Petrus und Paulus postierten sich schwerterschwingend über dem römischen Bischof. Die Geißel Gottes soll sich dann ob der unzweideutigen Demonstration apostolischer Schwerter entschieden haben, doch besser woanders zu plündern. Diese Geschichte, von Rafael beeindruckend im Bild festgehalten, ist natürlich ins Reich der Legenden zu verweisen. Die wahre Geschichte - jeder Historiker zieht an dieser Stelle die Stirn kraus und zückt den Rotstift - dürfte wohl etwas nüchterner ausgesehen haben: Leo hat Attila dafür bezahlt, dass er weiterzog. Das der Papst eine beeindruckenden Gestalt gewesen sein und den Zorn des Himmels recht plastisch herabgedroht haben dürfte, mag noch dazu gekommen sein. Ist aber für uns nicht so wichtig. Wichtig ist aber, dass es Leo war, der Attila entgegengezogen ist. Kein Kaiser, den es damals noch gab, und auch keine Senatorendelegation oder andere Personen von großer Reichswürde. Es war der römische Bischof Leo, der nach den Quellen eine herausragende Position in der Gesandtschaft zu Attila einnahm. Darin verdeutlicht sich die große Bedeutung, die der römische Bischof schon im 5. Jh. in Italien und besonders in der Umgebung Roms einnahm ebenso wie die Mittel, über die er verfügte, denn das Gold für Attila dürfte zu einem nicht unbedeutenden Teil aus dem Kirchenschatz gekommen sein. 

Diese Tendenz setzte sich in den nächsten hundert Jahren fort und gipfelte in der Gestalt Gregors des Großen. Gregor wurde aus dem Kloster auf den Stuhl Petri gesetzt und brachte etwas mit, was damals und später noch mehr Bedeutung für diese Führungsposition hatte, nämlich Geld. Gregor stammte aus außerordentlich reichem Hause und in Rom hoffte man, als Papst würde er diese Mittel der Kirche zur Verfügung stellen. Die Rechung ging auf. Seit Gregor besaß die Kirche große Besitzungen in Latium und, später vom byzantinischen Kaiser konfisziert, auf Sizilien. Auf diese Mittel gestützt legte der asketische Gregor eines der größten Sozialprogramme der stadtrömischen Geschichte auf: Die Straßen wurden erneuert, die Mauern geflickt, die Aquädukte wieder funktionstüchtig gemacht, die Armen gespeist und selbst die Soldaten bezahlt. Der Laden lief wieder. Und ähnlich wie Gregor wurde er auch diplomatisch aktiv und hielt nicht nur die Langobarden - der neueste germanische Räuberhaufen in Italien - davon ab, in Rom vorbeizuschauen, sondern bewegte das Königshaus auch zur Konversion - vorher waren die Langobarden Arianer.
Vom Kaiser in Konstantinopel war hingegen nichts mehr zu erwarten. Zwar gehörte Rom, zusammen mit Latium, Umbrien und der Romagna, offiziell zum Exarchat von Ravenna und war damit Teil des (Ost-)Römischen Reiches, doch kam der Exarch aus seiner Residenz kaum heraus. So musste man sich selber helfen und in Rom und Umgebung war es halt die Kirche. Und weil man Aufgaben, die man einmal notgedrungen übernommen hat, auch nicht mehr so leicht loswird, wenn sie kein anderer haben will, füllte der römische Bischof die Aufgaben weltlichen Gewalt auch nach dem Tod Gregors aus. 
Und den Rest kennt ihr ja.

Und das, meine Lieben, ist die lange Geschichte, wie der Papst zum Schwerte kam, warum er es schwang, wie er es schwang und welche Probleme sich damit ergaben.   

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