Sonntag, 27. November 2011

Adventsgedanken der Erste - Zurück zum Zimmermann

Wer in dieser Tagen durch das Frankfurter Bankenviertel schlendert, der wird ganz in der Nähe der Konsumtempel auf eine kleine Zeltsiedlung treffen, in der sich der antikapitalistische Protest in Frankfurt im Windschatten der globalen Occupy-Bewegung konzentriert. Wir wollen jedoch an dieser Stelle nicht von bösen Ausbeutern und guten Ausgebeuteten sprechen. Denn Armut macht nicht gut. Armut ist kein moralischer Wert an sich. Der große Kirchenvater Johannes Chrysostomos schrieb zu diesem Thema, dass nicht der arm ist, der wenig hat, sondern der, der viel braucht. Und wenn wir diesen Maßstab anlegen, dann erhellen sich beide Welten, die der Bankentürme und die der Zelte. Denn beide sind sich im Grunde gleich. Der Banker, der immer mehr Geld will, weil er meint, immer mehr Geld zu brauchen, und der Zelter, der ebenfalls mehr Geld will, weil er auch meint, mehr zu brauchen. Beide rufen das gleiche, beide rufen nach mehr. Mehr Geld, mehr Freiheit, mehr Marijuana. Dabei reagieren beide auf die gleiche Krise gleich. Denn es ist keine Krise der bösen Banken gegen den guten Sozialstaat, es ist im eigentlichen Sinne ein Verteilungskampf. Immer mehr Menschen - seit neuestem 7 Milliarden - kommen auf immer weniger Ressourcen. Auf der Erde wird es buchstäblich eng und diese Enge schafft notwendigerweise Konflikte. Die haben, wollen wenigstens behalten, optimalerweise aber mehr, die nicht oder weniger haben wollen vor allem mehr. Ob dies Parteien jetzt die Banker gegen die Zelter oder der Westen gegen Afrika und Asien ist, bleibt sich dabei gleich. Und so ist das Verhalten aller Beteiligten nur logisch. Denn der Mensch riecht die Krise, er spürt das Ende einer Phase und den Übergang in eine andere. Und wie der Hamster, der den Winter hereinbrechen fühlt und Anfängt Mittel zu horten verhalten sich auch die Banker. Die wollen jetzt, sofort, möglichst viel Gewinn in möglichst kurzer Zeit, solange es denn noch irgend geht. Das gleiche gilt für die Zelter. Sie spüren den Kollaps des Systems, indem sie aufgewachsen sind und wollen noch möglichst schnell Marken setzen, an die sie sich nachher, wenn es eng wird, klammern können. Auch sie wollen ihren Wohlstand sichern. Es ist eine Diktatur des Haben-Wollens. So wie die Entfesselung der Finanzmärkte durch eine Entkopplung von angenommem Wert und realem Wert verursacht wurde und damit die Krise beschleunigte, so wird auch die Krise durch die Entkopplung von Wollen und Können beschleunigt. das Ergebnis bleibt das gleiche.
In einer Version des Kreuzweggebetes heisst es: Aber so wird die Welt erlöst, durch anderer Leiden und Opfer. Opfer das wollen wir alle nicht sein, und leisten schon mal gar nicht. Und Leiden, ja, aber nur für ganz bestimmte ganz weniger Sachen und auch nur in einem ganz begrenzten Rahmen.
Ich möchte euch daher von einem Mann erzählen, der genau das Gegenteil von dem getan hat, was wir heute tun würden, die wir doch alle im Grunde wie die Banker und die Zelter sind. Jemand, der nicht mehr-haben-wollen rief, sondern der zurücksteckte, jemand, der nicht die Selbstverwirklichung begehrte, sondern der die Seine für andere zurücksteckte. Ich rede von meinem Lieblingsheiligen, dem Mann, der mit in der ganzen Bibel der sympathischste ist, dem Hl. Joseph von Nazareth.

Was wissen wir über diesen Mann Joseph? Eigentlich erbärmlich wenig. Er war Handwerker, wahrscheinlich Zimmermann oder ähnliches. Er lebte in seinen letzten Lebensjahren in Nazareth, einem Nest in der multikulturellen Boomzone Galiläa. Er stammte jedoch aus dem Stamme Davids und war sogar dessen Nachkomme. Bis hierin ein ganz normales Leben. Vermutlich war er in seinen jungen Jahren verheiratet und hatte mehrere Kinder. Dann jedoch scheint seine Frau verstorben zu sein, sodass Joseph wieder frei war, erneut zu heiraten, was er, da er es sich offenbar leisten konnte, auch tat. Bzw. tun wollte. Denn diese junge Frau hieß Miriam oder Mariam und konfrontierte den armen Joseph nach der Verlobung mit einem Problem: Sie war schwanger. Und zwar ohne das Joseph sie erkannt hatte, wie es in der Bibel steht, dass also die Ehe noch nicht vollzogen war, wie die Kirche sagen würde. Die verständliche Reaktion Joseph hierauf war sein Wunsch, die Verbindung mit Miriam zu lösen. Heimlich still und leise, ergänzt die Bibel, um den edlen Charakter des Mannes zu betonen, der kein Drama aus dem vermeintlichen Betrug machte, sondern die Angelegenheit diskret lösen wollte. Ob sich seine Verlobte dazu äußerte, wie es zu der Schwangerschaft kam, wissen wir nicht. Wir können jedoch davon ausgehen, dass die Aussage: "Das war der Geist Gottes" als Begründung nicht besonders zog. Parthenogenese, so der wissenschaftliche Fachbegriff, war doch unwahrscheinlicher als ein römischer Soldat, der sich ins Elternhaus Miriams verirrt hatte. Und mal ehrlich: Hätten wir ihr geglaubt? Doch wohl nicht. So gesehen war Joseph verhalten so normal und menschlich wie möglich. Doch auch ein Erlöser will ja essen und gewickelt werden, will ein Dach über dem Kopf. Also braucht's halt einen Ziehvater. Folglich wurde Joseph von höchster Stelle zurückgepfiffen. Aber für einen leibhaftigen Engel hat es halt nicht gereicht. Mehr als einen Traum bekam der Zimmermann nicht, indem ihn ein Engel über das weitere Vorgehen instruierte. Und was macht Joseph? Genau das, was der Engel gesagt hat.

Und hier beginnt eigentlich unsere Geschichte. Und gerade dieser Punkt ist mir ganz besonders wichtig. Denn diese kurze Stelle, die man immer mal so streift und kaum wahrnimmt, ist vielleicht das Kernerlebnis des kaum wahrgenommenen Menschen Joseph. Hier findet ein Bruch statt oder auch ein Erweckungserlebnis. Hier hört Joseph auf, wie wir zu sein. Hier hört der Jude Joseph auf, die mosaischen Gesetze als "die" Lebensregeln anzusehen. Hier beginnt er Christ zu sein. Christ, weil er sich als erster bzw. als zweiter nach Miriam, in den Dienst des Heilands stellt, weil er an Jesus Christus bzw. an das Evangelium, an die gute Nachricht des Engels glaubt und danach handelt. Hier beginnt er, das Gesetz der Liebe über das Gesetz des Moses zu stellen. Hier wird er Christ. Hier wird er zum Vorbild für alle, die nach ihm kommen.

Aber unsere Geschichte geht noch weiter. Nachdem Joseph dieses erste Opfer gebracht hat, indem er die schwangere Miriam zu sich nahm und damit die Verantwortung für sie und das Kind übernahm, obwohl er es nicht gemusst hätte, überblicken wir einen mehrmonatigen Zeitraum bis zur Geburt Jesu. Und in diesem Zeitraum berührte er sie nicht, wie es bei Matthäus heisst. Wenn an davon ausgeht, dass Joseph nicht gerade ein uralter Greis war und Miriam eine junge, ansehnliche und erblühende Frau mit der er hätte die Ehe vollziehen können, auch eine Leistung, die man nicht ganz unter den Tisch fallen lassen sollte.

Und dann ging es weiter. Damit ein geldgieriger Staat - kennen wir doch irgendwoher - seine Untertanen besser schröpfen konnte, befahl er ihnen, sich einem bürokratischen Mammutakt zu fügen, indem sie an den Standort ihres Geburtsregisters gehen und dort ihr Daten abgeben sollten. Und Joseph als guter - das heisst hilfloser - Untertan des römischen Sebastos folgt diesem Befehl und zieht von Nazareth nach Betlehem. Im Gepäck: Schwangere Frau inklusive Esel. Was uns heute normal vorkommt - war halt so - ist aus der menschlichen Warte des Josephs völliger Quatsch. Denn aus bürokratischer Notwendigkeit musste Joseph Miriam nicht mitschleppen. Auch nicht, weil er sie nicht allein lassen wollte. Man kann davon ausgehen, dass in Nazareth ein intakter Familienverband Josephs bestand, der sich Miriam hätte annehmen können. Zumal ja das Geschäft weiter laufen musste, während der Meister weg war. Auch aus schwangerschaftstechnischen Gründen war die Reise eher bedenklich. Eine Hochschwangere auf einem Esel über die palästinensischen Landstraßen zu tragen barg doch unendlich mehr Gefahren für sie, als wenn sie zu Hause geblieben wäre. Zumal wenn man die Bedeutung des Kleinen bedenkt. Ich wollte da nicht Joseph gewesen sein - Esel auch nicht. Kurz und gut unterzieht sich der arme Kerl einem immensen Mehraufwand, um wieder nicht zu handeln wie wir Ottonormalreisender, sondern wie ein Christ. Der Junge soll nach dem Wort Gottes in Betlehem geboren werden, also bringen wir die schwangere Mutter nach Betlehem. Auf das Wort Gottes hören, nennt man sowas.

Aber die Drangsal war ja noch nicht vorbei. Nachdem er sich endlich in Betlehem einquartiert hatte und nachdem endlich der Bub draußen war, begann das große Defilee. Hirten, Weise/Könige, das ganze Programm. Das müssen wir uns mal bildlich vorstellen. Da sitzt der kleine Zimmermann in der Herberge und muss sehn, wie das kleine Bobbesche, für den er in den nächsten Jahren die Verantwortung tragen darf, von Gott und der Welt hofiert wird. Da wird einem schon ganz anders. Aber als dann auch noch Soldaten des Herodes angekündigt wurden, war das Joseph doch zuviel. In bereits bekannter Manier erhielt er traumhafte Order, setzte Mutter und Kind auf den Esel und marschierte los. Nicht aber etwa nach hause. Nein, nach Ägypten hat der Engel ihn geschickt. Auch das erscheint uns heute doch ganz klar, war halt so. Aber stellen wir uns das ganze doch noch mal aus der Sicht Josephs vor. Das er mit der Familie aufbricht, bevor die Schergen des Königs um die Ecke biegen ist ja noch klar. Hätten wir auch alle so gemacht. Aber anstatt um Jerusalem einen großen Bogen zu schlagen und in Nazareth wieder aufzutauchen, geht er nach Ägypten. Obwohl das eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Es ist kaum vorstellbar, dass selbst ein paranoider Herrscher wie Herodes das ganze Land nach Kindern durchforschen lassen würde, die in Betlehem geboren wurden. Wäre Joseph nach ein paar Wochen wieder in Nazareth aufgetaucht, im Schlepptau ein Kind und ein bisschen billigen Plunder von der Rundreise, hätte kein Schwein ihn darüber ausgefragt. Matthäus liefert uns denn auch den eigentlichen Grund für den ganzen Aufwand: erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«  (Mat 2,15). Und wieder tritt uns Joseph als derjenige entgegen, der Gottes Wort erfüllt, auch wenn es für ihn einen gewaltigen Mehraufwand bedeutet. Denn auch wenn das Geschäft in Nazareth über seine Abwesenheit am Laufen gehalten werden konnte, leicht war es bestimmt nicht.

Und die Plackerei geht ja noch weiter. Nachdem Joseph endlich wieder daheim war, musste er sich ja nicht nur um seine Arbeit kümmern, sondern auch um den kleinen Jesus. Und selbst wenn wir nur die offiziellen Evangelien zugrunde legen, leicht war der Junge bestimmt nicht. Da büchst der eben mal irgendwo in Jerusalem aus und als die Eltern ihn endlich gefunden haben meint der Knabe nur, warum sie sich denn wundern, dass er im Haus seines Vater sei. Da hat man doch große Lust den Kleinen an den Ohren zurück nach Nazareth zu schleifen. Wenn man hingegen die geläufigen Kindheitsevangelien, allen voran das des Thomas zugrunde legt, dann zog der junge Jesus solche Nummern und noch schlimmere dauernd ab. Da wurden Vögel auferweckt, renitente Nachbarskinder zu Tode befohlen, Lehrer zur Verzweiflung getrieben usw. Auch wenn man das als übertriebenen Volkswunderglauben betrachtet - was es sicher war - ein einfaches Kind war Jesus wohl nicht gerade. Darin wird uns Joseph wieder sehr ähnlich. Joseph, der sich im Alltag mit dem Messias in spe und Adoptivsohn herumschlagen musste, so wie auch wir uns heute mit Kindern und anderen nicht immer erträglichen, aber doch unserer Verantwortung überstellten Menschen herumschlagen dürfen.

Und was ist das Ende vom Lied? Wir wissen es nicht. Wann Joseph starb oder wie, das wird nicht erwähnt. Allerdings können wir davon ausgehen, dass sein Ableben vor dem öffentlichen Wirken Jesu anzusetzen ist, denn wenngleich wir von seiner Familie etwas hören, doch nie wieder etwas von ihm. Sein Tod liegt also irgendwo zwischen dem 12. und dem 30. Lebensjahr Jesu. So endet die Geschichte dieses großen Mannes und des ersten Christen. Hören wir Klagen von ihm? Hören wir sich über die Ungerechtigkeit beschweren? Hören wir, wie er sich gedrückt hat vor seinen Aufgaben oder sie nur halbherzig erfüllte?
Nein. Nichts dergleichen. Was hat ihm Gott aber alles aufgebürdet?
Eine Schwangere in sein Haus aufzunehmen, bei der er jedes Recht hatte, sie zu verstoßen.
Sie mitzuschleppen auf seiner Reise nach Betlehem.
Nach Ägypten ins Exil gehen zu müssen.
Den jungen Messias großzuziehen.
Und schließlich vergessen und unbeachtet zu sterben.
Gut, werdet ihr jetzt sagen. Nur? Da haben andere doch wohl mehr über sich ergehen lassen. Verfolgung, Kreuzigung, Gulag und was weiss ich noch alles. Da habt ihr natürlich recht. Aber diese Heiligen sind uns heutigen Wohlstandsmenschen doch irgendwie fern. Joseph hingegen ist uns nahe, wie er Christen zu allen Zeiten nahe war. Weil er so normal war. Seine Opfer sind nicht groß, weil sie so viel bewirkt hätten oder weil sie so übermenschlich gewesen wären - das erste trifft zu, das zweite nicht. Sondern weil sie so menschlich waren und weil er sie in der Haltung angenommen hat, die einen Christen auszeichnet: In liebevollem Gehorsam gegen das Wort Gottes.

Schlagen wir nun den Kreis zu den Bankern und den Zeltern. Können wir ihre Situation mit der des Heiligen vergleichen? Warum nicht? Auch sie stehen vor krisenhaften Entwicklungen in ihrem Leben, auch sie haben das Wort Gottes zur Hand. Anstatt "Mehr-haben-wollen" zu rufen, könnten sie doch einmal überlegen, ob ihr Leben nicht reicher würde, wenn sie das opfern würden, was sich ohnehin gerade anbietet für diejenigen, die uns im Wort des Herrn aufgetragen sind. Denn auch wenn wir Opfer im christlichen Sinne immer mit großen Sachen verbinden, gerade für den Ottonormalverbraucher in unseren Breiten kommt es darauf an, christliches Opfer im Alltag zu leben. Und ich rede hier nicht nur von Geld, wie die Banker und Zelter jetzt denken. Da kann man sich auch ganz viel anderes überlegen. Und da die Adventszeit ja eine Zeit der Besinnung ist, also des Überlegens, überlegt mal ein bisschen. Ich mach es auch. Und denken wir dabei an den Heiligen Joseph, unser Vorbild in der Krise.

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