Dienstag, 25. Oktober 2011

Der Papst als Spielball - ein historischer Kommentar zu den Borgia


Wir haben in unserem letzten Text herausgearbeitet, das die Kirche aufgrund ihrer Situation in der Renaissance auf den Kirchenstaat als finanzielle Basis angewiesen war, um zu funktionieren und das es daher notwendig war, dass sich ihre Führung mit den politischen Instrumenten der Zeit die Finger schmutzig machte.

Nun werden zurecht einige Fragen, ob es denn wirklich nötig war, dass das Papsttum einen eigenen Staat unterhalten musste, der ja doch so viel Übel für es bedeutete? Wäre es nicht möglich gewesen, das Auskommen der Kirchenführung anders zu sichern, immerhin geht es ja heute auch?
Hierauf zu antworten, würde uns auf das Feld der historischen Spekulation führen - was wäre wenn - das zwar sehr reizvoll, aber auch sehr gefährlich ist. Ich will daher auf anderen Weise auf die Frage eingehen, nämlich durch die Ergänzung, dass die finanzielle Situation eine, aber nicht die einzige Begründung bzw. Notwendigkeit für den Kirchenstaat bzw. für die weltliche Macht des Papsttums war.

Um die Lage des Papstes zu verdeutlichen, lassen wir einen Papst zu Wort kommen, Pius II. (1458-1464), der noch als Aenea Silvio Piccolomini in seiner Geschichte des Baseler Konzils schrieb:
"Der römische Bischof ist ohne das Patrimonium der Kirche (den Kirchenstaat) nichts anderes als der Knecht der Könige und Fürsten." 
Das es sich bei diesem Satz nicht nur um einen Rechtfertigungsversuch handelt, sondern tatsächlich das Problem sehr genau umreißt, wollen wir nun an einigen wenigen Beispielen zeigen. Denn was passierte, wenn der römische Papst seiner weltlichen Macht abholt ging?

Das beste Beispiel ist das sogenannte Dunkle Zeitalter des Papsttums zwischen im 9. und 10 Jahrhundert. In dieser Zeit hatte die alte Schutzmacht der Päpste, die Karolinger, ihren Einfluss auf Italien weitgehend eingebüßt und das Papsttum ohne einen weltlichen Arm zurückgelassen. Die Folge war, dass das Papstamt, die prestigeträchtigste Position in Rom, zum Spielball der in Rom ansässigen Aristokratie wurde. Da wurden Päpste eingesetzt, abgesetzt, ermordet und sogar noch post mortem vor Gericht gezerrt - der berühmte Leichensynode durch Stephan VI. 897. Neben den großen römischen Geschlechtern spielten noch verschiedene italienischen Fürsten mit, inklusive einiger Frauen, die traurige Berühmtheit erlangen sollten. Die bekannteste war Marozia, die gleich mehrmals die Tiara an ihr passend erscheinende Kandidaten verlieh. Ein Sündenbabel sondern gleichen. Nicht aber, weil die Päpste per se so böse und schlechte Menschen waren, sondern weil sie nicht die Möglichkeit hatten, sich gegen äußere Einflüsse zu wehren und ganz und gar abhängig waren von der Gunst der rivalisierenden Geschlechter.

Ein anderes Beispiel ist die sogenannte babylonische Gefangenschaft der Päpste in Avignon. Unter dem Einfluss des französischen Königs, des damals mächtigsten Monarchen Europas, verlegte der französische Papst Clemens V. seine Residenz nach Avignon an die Rhone. Dort, fern seines Bischofssitzes, stieg der Einfluss des französischen Königs, was sich nicht nur in dem Umstand zeigte, dass die nachfolgenden Päpste durchweg Franzosen waren, sondern auch z.B. der Papst dem schönen Philipp bei der Zerschlagung des Templerordens 1312 dienlich sein musste.

Als letzten Beispiel mögen wir die Gründung der anglikanischen Kirche anführen. Der Vorgang ist hinreichend bekannt: Heinrich VIII., König von England, wollte sich von seiner Frau, Katharina von Aragon, scheiden lassen, was per se noch kein so nennenswertes Problem darstellte. Wenngleich die Ehe formal als unauflösbar galt und gilt, war es bei dringendem Bedarf durchaus möglich, Schlupflöcher zu finden um einflussreichen Personen eine Trennung um Guten zu ermöglichen. So hätte es auch bei Heinrich und Katharina ablaufen können, wenn es da nicht Karl V., den römisch-deutschen Kaiser und König von Spanien gegeben hätte, ein Neffe Katharinas (über seine Mutter Johanna), der es partout als Affront ansehen wollte, dass der englische König seine Tante nicht mehr wollte. Das er selbst auf den englischen Königsthron schielte, er war zeitweise mit seiner Cousine Maria, der Tochter Heinrichs verlobt, die später seinen Sohn Philipp II. heiratete, mag dabei eine Rolle gespielt haben. Doch auch das wäre an sich noch kein Grund gewesen, die Ehe nicht zu annullieren. Problematisch aber war, das Karl zugleich König von Neapel-Sizilien und Herzog von Mailand war und demnach in Italien eine dominierende Stellung einnehmen konnte. Diese wurde gegenüber den Papst noch durch den Sacco di Roma verstärkt, die Plünderung Roms und die Einnahme des Kirchenstaates. So war der Papst gerade in der für Heinrich relevanten Zeit zwischen 1527-1531 faktisch von Karl V. abhängig. Über das Ergebnis dieser Abhängigkeit, die Abspaltung des katholischen Englands, kann geschwiegen werden.

Wir haben also gesehen, wie zutreffend das Wort Piccolominis war. Der Papst brauchte eine eigene weltliche Macht, wollte er nicht zum Spielball weltlicher Gewalten werden. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass der Papst überhaupt Macht ausübte, wie kam es dazu, dass ein Bischof zum Herrschaftsträger wurde? Damit wollen wir uns im vierten und letzten Teil unserer Serie beschäftigen.

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