Donnerstag, 20. Oktober 2011

Der Papst als Renaissancefürst - ein historischer Kommentar zu den Borgia

Um den Charakter der Borgia und besonders Alexanders VI. zu erschließen, müssen wir uns die Frage stellen, ob es sich bei ihm primär um einen Fürsten oder primär um einen Geistlichen handelt?

Die Antwort erscheint uns aus der heutigen Sicht eindeutig: Natürlich ist der Papst vor allem ein geistlicher Führer! Aber das ist eine Ansicht des 19. und 20 Jahrhunderts, nicht aller Zeiten. Denn es gab durchaus Perioden in der Kirchengeschichte, wo das Papstamt weniger als geistliches, sondern mehr als weltliches Amt bestand. Allerdings nicht so sehr in der Wahrnehmung, sondern mehr in der Praxis. Denn das Papsttum wurde zu allen Zeiten als geistliches Amt wahrgenommen. Nur das diese Wahrnehmung oft nicht der politischen Wirklichkeit entsprach. Hierfür gibt es mehrere Gründe und wir wollen uns einigen dieser Punkte im Laufe unserer Überlegungen widmen.

Heute jedoch wollen wir uns auf den konkreten Zeitpunkt beschränken, nämlich die frühe Renaissance und warum zu dieser Zeit das Papsttum praktisch darauf angewiesen war, weltlich zu handeln.
Denn der Papst war ja wie alle Handelnden niemand, der im freien Raum agierte, sondern jemand, der durch die Kräfte gebunden war, die um ihn wirkten und der durch seine Möglichkeiten beschränkt war. Ein Papst konnte also theoretisch noch so gut und ehrenvoll sein, wenn er die Möglichkeiten und die Kräfte nicht hatte, seinem Charakter nach zu handeln, musste er scheitern, dann musste die Kirchenregierung darniederliegen. Das hat die Kirchenleitung mehr als einmal leidvoll erfahren müssen. Es ergab sich von daher die Notwendigkeit, einen Papst zu berufen, der von seinem Charakter und seinen Fähigkeiten mit der Situation, in die die Kirchenleitung gestellt war, umgehen konnte. Und auch wenn Alexander VI. durch Bestechung und Intrigen an die Macht kam, für seine Zeit war er kein Fehler an sich.

Um das zu verstehen, müssen wir uns bewusst machen, worauf das Papsttum in dieser Zeit wesentlich beruhte: Dem Kirchenstaat.
Denn wenngleich die ganze Christenheit den Papst grundsätzlich als Haupt der universalen Kirche anerkannte, so war man doch nur sehr eingeschränkt bereit, ihm dafür die Mittel zur Verfügung zu stellen. Denn die Leitung der Kirche kostete nunmal Geld. Allein der Unterhalt der kirchlichen Infrastruktur in Rom, die für eine größere und reichere Stadt ausgelegt war, verschlang Unsummen. Wer alte Gebäude erhalten muss, weiss, wie teuer sowas ist. Dazu kam der Unterhalt für die päpstliche Administration und den päpstlichen Hof. Dies Liste könnte fortgesetzt werden. Kurz und gut: Alleine um seine kirchlichen Aufgaben zu erfüllen brauchte der Papst Unmengen an Geld.
Hinzu kam, dass dem Papst in Rom im Laufe der Zeit weltliche Aufgaben zugewachsen waren, weil es niemanden gab, der sie übernahm. Hierzu jedoch später. Das Papsttum war also darauf angewiesen, enorme Ausgaben zu decken. Ausgaben, die zu groß für den Bischof der vergleichsweise armen Diözese Rom waren.

Zudem hatte sich seit dem frühen 15. Jahrhundert die Einnahmensituation verändert. Bis zum großen Schisma und währenddessen bezog das Papsttum seine Einnahmen im wesentlichen aus den Erträgen, die ihm aus der Gesamtkirche zuflossen. Doch musste das Papsttum nach dem Ende des Schismas und im Zuge des Konzils von Basel neue Abkommen mit den meisten Fürsten Europas treffen, durch die ein großer Teil dieser Einnahmen entfielen. Daher war der römische Pontifex wesentlich auf jene Mittel angewiesen, die ihm aus seiner Territorialherrschaft zuflossen, nämlich dem Kirchenstaat. Dieser machte Mitte des Jahrhunderts mehr als 70 % der Einnahmen der apostolischen Kammer als der päpstlichen Finanzbehörde aus. Allein 20 % wurden durch die Allaungruben in Tolfa gewonnen. Zudem hatten sich die Mittel der Kurie im Vergleich zur Zeit vor dem Schisma mehr als halbiert.

Aus diesem Umstand erklärt sich das große Interesse des Papsttums am Kirchenstaat, der für seine Aufgaben unbedingt notwendig in dieser Zeit war. Da es sich beim Kirchenstaat um einen weltlichen Besitz handelte, verhielt sich der Papst in der praktischen Arbeit damit faktisch wie ein weltlicher Fürst, denn nur so war der Bestand des Kirchenstaates und damit die Aufrechterhaltung des Papsttums gewährleistet.

Und in der Politik Italiens im 15. Jh. ging es nicht sehr sanft zu. Gegen die damaligen politischen Sitten sind die heutigen Damen und Herren geradezu liebenswerte, ehrliche Pfadfinder. Da wurde gelogen, betrogen, Bündnisse geschlossen und wiederaufgekündigt, Kinder verlobt, verheiratet und wieder annulliert, Krieg und Überfälle geführt und wenn es günstig war brachte man den aktuellen Rivalen, mit dem man vor zwei Stunden noch auf Bruderschaft getrunken hatte an der nächsten Straßenecke um die Ecke. Moral suchte man damals nun wirklich vergebens und ein Condotierre, ein Söldnerführer, brachte es durchaus zum anerkannten Stadtherrn und einem der reichsten Männer Italiens.

Es war also ein Dschungel, in dem sich der Papst bewegen musste, wollte er seine Basis davor bewahren, verschlungen zu werden und damit den Bestand eines unabhängigen Papsttums gewährleisten. Denn wie es einem machtlosen Papst ergehen kann, dass haben die Päpste mehr als einmal erfahren. Dazu aber ein andermal.

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