Dienstag, 18. Oktober 2011

Der Papst als Antichrist - Ein historischer Kommentar zu den Borgia

Der Papst ist ein böser alter Mann, der weiss trägt!
Warum?
Weiss ich doch nicht warum der immer weiss an hat!
So oder so ähnlich beginnen gerne Gespräche über den Papst und das Papsttum, vulgo Papstbasching.
Und weil damit die Sachkenntnis der meisten Papstgegner über den lebenden Hl. Vater schon endet, greift man halt auf die Toten zurück. Und da ist einer immer besonders beliebt: Alexander VI. Borgia, das Monster auf dem Papstthron, der Antichrist, der Beweis, das das Papsttum und seine Kirche böse sind. Denn eine Institution, die ein solches Monstrum auf seinem obersten Posten hatte, die kann ja nur verdorben und in sich schlecht sein. Den neuesten Beweis liefert uns gerade eine Spielfilmreihe über den apostolischen Mafiaclan.

Aber tun wir doch einfach mal einen Moment so, als wäre unser Wissen über die Epoche und diesen Papst nicht absolut fundiert, sondern bestände, natürlich rein theoretisch, nur aus Halbwissen aus TV-Semidokus, Wikipedia-Einträgen und den Berichten von BUNTE-Historikern. Vorstellung an: ... Fertig? Gut, also, was "wissen" wir über die Borgia:

Alexander VI., vormals Rodrigo Borgia, Neffe Papst Callixtus III., ein aus Aragon stammender Adliger, wird als Protege seines Onkels Kardinal, zeugt wenigstens vier Kinder und erkennt diese an. Jahre später wird er Papst, wobei Geld eine Rolle gespielt haben dürfte. Sein zweitältester Filius wird Kardinal, kein Priester, der erste soll den Clan ins römische Patriziat hineintragen, die Tochter wird, mehrmals, mit italienischen Duodezfürsten verheiratet. Alexander feiert im Vatikan rauschende Feste, lässt es sich gutgehen und protegiert seine Familie, verkauft Kirchenämter und lässt seine Gegner auch mal gewaltsam um die Ecke bringen. Die Karriere Cesares, des zweiten Sohnes, bekommt eine neue Wendung, als der Erstgeliebte, Juan, im Tiber schwimmend gefunden wird: Mit dem Kopf nach unten und blutig von Wunden. Cesare wird zum Herzog der Romagna umdekoriert, darf sich die Haare wachsen lassen und zieht mit Söldnern, Giftmischern und Dolchen ausgerüstet los um unschuldige Stadttyrannen zu tyrannisieren. Das macht er auch erfolgreich, bis sein Vater vom Tode eingeholt wird. Dessen Nachfolger denken gar nicht daran, Cesare gewähren zu lassen und jagen ihn nach Navarra, wo er bei einem Gefecht gegen aufmüpfige Basken umkommt. Seine Schwester hingegen überlebt den ganzen Terror und stirbt am Ende hochgeachtet als Fürstin eines italienischen Kleinfürstentums.

So viel, so schrecklich. Aber was ist daran jetzt so furchtbar schlimm? An sich nichts, nur das Alexander halt keine Dogenmütze, sondern eine Tirara trug. Wäre er ein stinknormaler italienischer Mittelfürst gewesen, würde sich heute kein Schwein mehr für ihn interessieren, denn von seiner Sorte gab es Männer zu Hauf im Italien des 15. Jahrhunderts. Da konnte man die Straßen mit Pflastern lassen. Was aber war Alexander anders als genau das? Im Grunde gar nichts. Gut, stink normal war er nicht. Vermutlich hatte er mehr Grips als die meisten seiner italienischen Mitfürsten, war ehrgeiziger und hatte das Ego eines Blauwales, der von Delphinen umschwommen wird. Aber sonst ....?

Nun werden sich viele erheben und rufen: Aber er war doch Papst! und unter den Rufern werden sowohl Katholiken wie auch andere Leser sein. Nun, dazu kommen wir ein andermal.

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